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Wenn ‘bio’ nicht reicht: Premiumgetränke!

Kollektiv Premium

Uwe Lübbermann (2.v.r.) Foto: Kollektiv Premium

Premium Cola, Mate, Kaffee, Frohlunder (eine Holunderbrause) und Bier ist bereits recht bekannt und beliebt. Das Überraschende an der Erfolgsgeschichte des kleinen Getränkeherstellers ist, dass kein Geld für Werbung ausgegeben wird und das Unternehmen bewusst nicht auf Wachstum setzt. Kann man überhaupt von ‘Unternehmen’ sprechen? Premium-Getränke werden im Kollektiv von gleichberechtigten Partnern produziert. Die Hierarchien sind minimal bis gar nicht vorhanden. Und das funktioniert? Das funktioniert! Bereits seit einigen Jahren produziert Premium Getränke nach Bio-Kriterien.

Interview mit Uwe Lübbermann von Premium

Hallo Uwe, danke, dass du dir Zeit für uns nimmst! Die Frage die mir sofort in den Sinn kam: da es ja inzwischen einige kleine Getränkehersteller im Bio-Segment gibt (Lemonaid und Quartiersmeister etc.), wie kommt es, dass ihr es erreicht habt zu kooperieren, anstatt zu konkurrieren?

Naja, indem wir uns bewusst gemacht haben, dass der Markt groß genug für alle möglichen kleinen Anbieter ist, dass es insgesamt menschlich viel angenehmer ist, wenn man miteinander statt gegeneinander arbeitet und dass das – behaupte ich zumindest – langfristig auch effizienter und stressfreier ist. Ich selbst will einfach in einer Welt, auch Wirtschaftswelt leben und arbeiten, die so viel Augenhöhe zwischen allen Menschen wie irgend möglich gewährleistet und dazu gehören auch andere Anbieter, oder? (lacht) Auch sollte Wissen frei sein, also teilen wir das was wir haben – und bekommen dann natürlich auch viel Wissen geteilt. Wir sind dabei oft die Zünder von Kooperationen, würden das am liebsten auch noch weiter treiben, aber nicht alle wollen bei allem mitmachen. (lacht)

Was unterscheidet euch von anderen kleinen Herstellern? Ich habe gelesen, dass ihr pro Transportstrecke einen Festbetrag an eine Obstwiese spendet oder von dem Verkaufserlös des Bieres,  Antialkoholkampagnen unterstützt!

Puh, wo fängt man da an. Der wesentliche Unterschied ist meines Erachtens der, dass wir alle Entscheidungen mit allen Betroffenen, auch nicht Beteiligten auf Augenhöhe treffen, d.h. per Konsensdemokratie, weil die Augenhöhe zwischen allen uns wichtig ist. Daraus folgen dann diverse Dinge die wir anders machen; keine Gewinne, feste Anteile für alle, CO2-Ausgleich auf Basis einer fast vollständigen Ökobilanz und, und, und. Ich weiß nicht welchen Teil man da jetzt rausgreifen will, aber die Grundlage ist definitiv eine freiwillige Augenhöhe und Konsensdemokratie zwischen allen Betroffenen, auch den Endkunden. Daraus folgt dann alles Weitere.

“[…] die Grundlage ist definitiv eine freiwillige Augenhöhe und Konsensdemokratie zwischen allen Betroffenen, auch den Endkunden.”

Ihr kompensiert ja euer CO2 mit einer Obstwiese, wie seid ihr auf die gestoßen und wie wird die bewirtschaftet?

Ach, die Obstwiese. ein altes, schwieriges Thema (schmunzelt). Wir hatten vor Jahren schon den Wunsch, unsere Produkte “klimaneutral” zu machen, d.h. die insgesamt emittierten CO2- und äquivalenten Belastungen irgendwie zu kompensieren. Dazu haben wir anfangs einen Cent pro Flasche abgezweigt und an atmosfair abgeführt, ein meines Erachtens ziemlich seriöses Projekt, das aber deswegen bis zum Einsatz der Gelder in China und Indien bis zu zwei Jahren braucht. Das war einigen Kollektivisten aber zu weit weg und zu langfristig, also haben wir über einen Händler von uns die akowia.de kennengelernt, die Streuobstwiesen pflegt, die in der Summe das CO2 aus der Atmosphäre ziehen, das wir emittieren. Jetzt spätestens ist es aber nicht mehr klima”neutral”  – was wir vorher eh nicht gesagt hätten und haben –, weil Bäume ja irgendwann verrotten und das aufgenommene CO2 wieder abgeben […] Deshalb und wegen des Finanzbedarfs für Mehrwegleergut, haben wir den Cent vor ca. zwei Jahren mal eingefroren bzw. nicht mehr abgeführt, das muss man schon ehrlich sagen. Jetzt haben wir aber eine Möglichkeit gefunden, wo neu aufgeforstet wird, was uns irgendwie sinnvoller scheint, und dahin werden wir die gesammelten Anteile nun abführen: PrimaKlima weltweit. Das muss nur noch jemand ausrechnen und machen, aber am machen hängt es bei uns oft – Kollektiv halt (lacht).

Wird es durch euren Größenzuwachs mit euren kollektiven Prozessen, Basisdemokratie und Co. schwieriger?

Basisdemokratie reicht ja nicht; damit kann man ja Minderheiten sehr effektiv unterdrücken. Wir machen bewusst Konsens und das heißt, dass man zu Anfang schon länger diskutieren muss, als mit einer mengenmäßigen Abstimmung, ja. Die Ergebnisse sind dann aber, behaupte ich, schlauer und sozialer und stabiler, als es “normale” Strukturen sonst können – und deswegen dreht sich das mit dem Aufwand irgendwann: nach einer gewissen Zeit wird Konsensdemokratie zu einer sehr effizienten und vergleichsweise aufwandsarmen Entscheidungsmethode. Auch komplexe Fragen sind bei uns innerhalb weniger Tage durch und das ist zumindest in den “normalen” Unternehmen die ich kenne, oft so nicht der Fall. Also, ganz klar: der Aufwand wird bei uns bisher nicht mehr, auch bei wachsender Verbreitung und Kollektivbeteiligten, er wird eher geringer. Wir bieten mittlerweile auch Workshops zum Üben der Methode an.

Was sind eure Pläne im kommenden Jahr? Wird es ein neues Getränk geben? Oder wird es mehr Läden geben, in denen man eure Produkte kaufen kann?

Wir haben Pläne fürs kommende Jahr? (lacht) Ernsthaft, es gibt grobe Gedanken, dass wir das System weiterentwickeln wollen, stabilisieren, weitere Produkte evtentuell auch, wenn die Zeit es zulässt, ja. Aber sowas wie eine konkrete Jahresplanung haben wir nicht; wie auch, wenn sich doch Rahmenbedingungen in der Zwischenzeit ändern können? Ich glaube, eine gewisse freestyle-Lockerheit ist für ein Projekt wie unseres ganz klug, bzw. andersrum; zu viel Planung bringt nichts. Wir sorgen natürlich für Krisenfälle vor usw., das schon, haben auch eine ganze Reihe an Ideen und Wünschen, aber jetzt planen, was Mitte 2015 ist, wie soll das gehen? Mehr Läden? Das hängt nicht nur von “uns” ab, sondern primär von den sogenannten Sprecher_innen, die sich um Läden in ihren Städten kümmern wollen. Ich sag’s mal so rum: wenn es uns gelingt, diese Menschen zu überzeugen, dass sie sich mehr kümmern, dann wird’s auch mehr Läden geben.

Wenn man Premium-Getränke im eigenen Ort im Getränkehandel haben möchte, was gibt es dann zu tun?

Ein Getränkehandel bewegt sich in aller Regel nur, wenn er einen Grundumsatz zum Beispiel mit Gastrokunden erreichen kann. Dafür sind erfahrungsgemäß etwa fünf Läden nötig, die aber auch nur mitmachen, wenn es einen Händler gibt. Wie die Henne und das Ei (lacht), aber es gibt immer einen Weg, und es gibt Leitfäden für verschiedene Ausgangslagen, den man bei uns mit Infos zu den verschiedenen Mitmachmöglichkeiten bekommen kann. Die Mithilfe ist natürlich bezahlt.

“[…] nach einer gewissen Zeit wird Konsensdemokratie zu einer sehr effizienten und vergleichsweise aufwandsarmen Entscheidungsmethode.”

Und eine kleine, abschließende Frage noch, Uwe, du hältst ziemlich viele Vorträge, woher ziehst du deine Energie? Trinkst du selber 4 Liter deiner Mate pro Tag oder brauchst du einfach keinen Schlaf?

Man könnte in Anlehnung an die Hackerkultur sagen, dass meine Lebensform flüssiges Koffein in Systemwandel umsetzt (lacht). Meine Energie kommt im Kern daher, dass ich mit der jetzigen Wirtschaftswelt nicht zufrieden bin und eine andere haben will, eine nachhaltigere und menschlichere, eine Gemeinwohl-orientierte Ökonomie, eine Postwachstumsgesellschaft und so weiter. (schmunzelt). Das treibt mich an, aber ich bin auch nur einer der Kollektivisten, eventuell möchtest du noch weitere zu diesem Interview oder wenigstens zu einzelnen Fragen einladen? Ich wäre dafür!

OK, das nächste Mal dann ein Gruppeninterview! Danke für deine Zeit, Uwe!

Ich danke!

Uwe Lübbermann im Netz:

Vortrag: Wirtschaft hacken? The Premium Way!

Homepage Premium Cola


Marius Hasenheit / Foto: Paul Schumacher

Foto: Paul Schumacher

Über den Autor:
Marius studierte BioGeoWissenschaften und anschließend Global Change Ecology. Er interessierte sich schon immer für Umweltthemen, und besonders für die Einflüsse des Menschen. Inzwischen beschäftigt er sich bei Ecologic Institute mit Indikatoren um Green-Economy-Entwicklungen zu messen. Innerhalb dieses Projektes schreibt er auch auf einem Blog. Weitaus häufiger schreibt er jedoch bei dem Onlinemagazin Doktor Peng über grüne Themen. Im Frühjahr diesen Jahres co-organisierte er ein Seminar zu praktischen Anwendungen von Postwachstumsideen.

 

Wenn es um den nötigen Wandel in Gesellschaft, Menschen, Wirtschaft geht, stellen ihn weder akademische Theorie, noch kurz gedachte, technologische Lösungen zufrieden. Neugierig und wissbegierig interviewt er nun Menschen, die für sich persönlich konsequent, innerhalb ihres Unternehmens oder ihrem Forschungsbereich den Wandel zu einer sozialeren und ökologischen Gesellschaft voran bringen.

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