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Wertebotschaften statt Werbebotschaften

Kommunikationsdesignerin Carolin Oelsner | Produktion: Visual BastARTS

Arbeiten in der Thinkfarm

Die Berliner Kommunikationsdesignerin Carolin Oelsner hat sich auf nachhaltiges Kommunikationsdesign spezialisiert. Für sie zählt der gesellschaftliche Mehrwert des Arbeitens. Nach ihrer Ausbildung als Mediengestalterin für Digital- und Printmedien folgten  das Studium für “Informations- und Mediengestaltung” in Schwäbisch Gmünd und ein Austauschsemester im Studiengang “Visuelle Kommunikation” an der DKDS Danmarks Design Skole (heute Royal Danish Academy of Fine Arts) in Kopenhagen. Nach ihrem Diplom 2007 arbeitete sie bis zu ihrer Selbständigkeit 2011 als angestellte Designerin bei einer Agentur in Berlin. 2012 und 2013 war sie Dozentin für Grafikdesign an der Grafikdesignschule in Greifswald. Seit 2013 arbeitet sie im Co-Working-Space THINKFARM in Berlin-Kreuzberg als selbständige Kommunikationsdesignerin.

Interview mit Dipl.-Designerin Carolin Oelsner

Hallo Carolin, vielen Dank, dass Du Deine Zeit mit uns teilst. Dein Leitmotiv ist „Beobachten, Erkennen, Umdenken, Gestalten, Beeinflussen“. Wie wichtig sind Dir Prinzipien?

Prinzipien helfen einzuordnen und zu positionieren. Ich habe kürzlich einen Charaktertest gemacht. Er besagte u.a., das ich als “extrovertierte Visionärin” über ein strenges Wertesystem, das mich durchs Leben leitet, verfüge. Das stimmt. Ich suche und entwickle fortwährend Prinzipien um diese Werte zu leben.

“Werbung ist unehrlich und zäumt das Pferd von hinten auf. Werbung missbraucht Design oft.”

Du arbeitest als Kommunikationsdesignerin. Du gestaltest Wertebotschaften statt Werbebotschaften? Wo genau siehst Du den Unterschied?

Werte werden gelebt. Sie müssen nicht künstlich geschaffen werden. Werbung will Dir oftmals etwas verkaufen, was Du nicht brauchst und tarnt ein Produkt als etwas was es nicht ist. Werbung ist unehrlich und zäumt das Pferd von hinten auf. Werbung missbraucht Design oft.

Und wie habe ich mir das vorzustellen? Wie arbeitest Du?

Jede Art von Kommunikation geht über Sender und Empfänger. Ich übersetze “echte” Informationen und Werte adäquat ins Sichtbare, so dass sie vom gewünschten Empfänger verstanden werden. Dafür muss man sich intensiv mit dem Thema oder der Aufgabenstellung auseinander setzen. Ich stelle viele strategische Fragen und arbeite nach dem Motto “Form follows Function”.

Ist das mehr ein ästhetisch-ideologischer Ansatz oder ändert das tatsächlich was am endgültigen Design Deiner Arbeiten?

Neben dem ästhetisch-ideologischem Ansatz ist das Ergebnis langlebiger, einzigartiger und erfolgreicher. Ein gutes Fundament hält länger und ist besser ausbaubar.

Du hast auch vorher für Agenturen und nicht unbedingt nachhaltige Auftraggeber gearbeitet. Wie bist Du zum Thema Nachhaltigkeit gekommen bzw. warum ist Nachhaltigkeit für Dich so wichtig geworden?

In der festen Zusammenarbeit in einer Agentur kann ich meine Auftraggeber in der Regel nicht aussuchen. Ich habe gemerkt, das mich die Arbeit für kleine und mittelständische Auftraggeber mit einer guten Gesinnung viel mehr motiviert, als für kommerzielle große Konzerne. Auch sind die Kommunikationsprozesse in großen Unternehmen meist alles andere als nachhaltig. Oft wird sehr viel Zeit in sinnlosen Korrekturrunden durch die Führungsetagen verschwendet – bis der Designer schließlich kurz vor Abgabe von vorne beginnen muss. Das geht nicht nur an die Ressourcen des Budgets, sondern auch an die Energieressourcen des Designers. Das demotiviert. So habe ich im Laufe der Jahre herausgefunden, dass ich im Grunde schon immer nachhaltig gedacht habe. Und gerade als Gestalterin sitze ich an einer entscheidenden Schnittstelle etwas verändern zu können.

“Ich empfehle allen darüber nachzudenken, was sie wirklich brauchen um glücklich zu sein.”

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit für Deine Kunden? Suchst Du Dir Deine Kunden aus oder wie findet man sich?

Für die meisten meiner Auftraggeber ist Nachhaltigkeit sehr wichtig. Andere überzeuge ich, in dem ich erkläre worum es dabei überhaupt geht. Auf meiner Website und in verschiedenen Onlineportalen gebe ich ein klares Statement zu meinen Anspruch und inzwischen finden mich Auftraggeber über Suchmaschinen, über Gründerveranstaltungen, über meine Netzwerke in denen ich mich engagiere oder über Weiterempfehlungen.

Nachhaltigkeit funktioniert letztlich ja nur dann, wenn im Besten Fall alle nachhaltig handeln und leben. Ist Dein Netzwerk auch auf Nachhaltigkeit ausgerichtet? Mit welchen Menschen arbeitest Du zusammen?

Ich arbeite mit Menschen, die ähnlich wie ich denken oder mich mit Ihrem Wissen dabei unterstützen möglichst sinnvolle Lösungen zu finden. Außerdem arbeite ich in einem nachhaltigen Co-Working-Space – der Thinkfarm Berlin. Hier konzentrieren sich Kompetenzen verschiedener Branchen unter einem Dach. Ein wunderbarer Ort. Wir sprechen nicht nur über Postwachstum, wir leben das bereits.

Du leitest u.a. Workshops zum Thema Social Design. Was habe ich mir darunter vorzustellen?

Als Gestalterin denke ich darüber nach, wie Konsumkritik und verschwenderische Lebensweisen ohne gehobenen Zeigefinger kommuniziert werden. Ich gestalte Bildung im öffentlichen Raum. Dafür suche und finde ich verschiedene Formate, wie z.B. das Projekt mit dem Arbeitstitel “Ecostreetart”.

Du versuchst sowohl in Deiner Arbeit als auch privat nachhaltig zu leben. Wie machst Du das? Hast Du vielleicht ein paar einfache praktische Tipps, wie jeder von uns wenigstensein bisschen bewusster, verantwortungsvoller und nachhaltiger in unserer Konsumgesellschaft leben kann?

Im Grunde ist es die Sichtweise auf die Dinge. Ich empfehle allen darüber nachzudenken, was sie wirklich brauchen um glücklich zu sein. Stichworte sind hier Work-Life-Balance, Teilen, Umnutzen und biologisches Essen. Oft stellt sich heraus, dass das an wenigen Dingen festzumachen ist, die nicht käuflich erwerblich sind. Lohnt es nicht oft etwas weniger zu arbeiten, dafür etwas weniger Geld, aber mehr Freizeit zu haben? In Berlin brauche ich kein eigenes Auto. Ich fahre Fahrrad und nutze Car-Sharing, denn sich Besitz zu teilen ist nicht nur sparsamer, sondern fördert auch den zwischenmenschlichen Austausch.

“Als Gestalterin denke ich darüber nach, wie Konsumkritik und verschwenderische Lebensweisen ohne gehobenen Zeigefinger kommuniziert werden.”

Du schreibst, dass Papier Dein bevorzugtes Medium ist. Nun ist die Papier- und Druckindustrie nicht unbedingt dafür bekannt, dass Sie besonders umweltfreundlich und Ressourcen schonend ist – Recyclingpapier hin oder her? Wie vereinbarst Du das mit Deinem Nachhaltigen Denken oder ist das gar kein Widerspruch?

Ja richtig, das muss kein Widerspruch sein, so lange das Produkt in seiner Funktion als Printmedium Berechtigung hat. Ein praktisches Beispiel: Ist ein Massen-Mailing üppig mit Metallfolie veredelt und aufwendig verarbeitet, ist das wirklich verschwenderisch. Ist das Medium aber ein Buch mit langanhaltender Aktualität, vielleicht ein Sammlerstück, sieht das schon ganz anderes aus. Ich denke darüber nach, wie digitale und analoge Medien geschickt miteinander vernetzt werden oder wie modulhaft Medienprodukte aufgebaut werden können, damit sie aktuell gehalten werden können ohne recht bald entsorgt zu werden.

Du bist Unterzeichnerin der Charta für nachhaltiges Design? Was genau ist diese Charta und wozu verpflichtet sie Dich?

Sie wurde von der Allianz deutscher Designer (AGD) initiiert und gibt einige Leitlinien vor, in welchen Dimensionen ein Projekt nachhaltig gestaltet werden sollte: das fängt bei der Beratung an, geht über die Projektgestaltung (faire Timings und faire Kommunikation) und beinhaltet eine gut durchdachte Konzeption hin zu ökonomischen und umweltfreundlichen Lösungen.

Du bist Mitglied im Sustainable Design Center in Berlin? Was macht Ihr dort?

Wir sind ein unabhängiges Kompetenz-Netzwerk für alle Belange nachhaltiger und ökointelligenter Gestaltung. Wir bringen Designer und Dienstleister, Vor- und Querdenker, Händler, Produzenten und Ingenieure aus dem Bereich Sustainable Design zusammen und vermitteln Informationen aus erster Hand. Wir initiieren Vorträge, Stammtische, eigene Projekte und vermitteln Anfragen an unsere Mitglieder. Wir haben eine Bibliothek mit nachhaltiger Designliteratur aufgebaut und kürzlich  einen Kongress mit Design Thinking Workshops veranstaltet: In Zusammenarbeit mit den launchlabs fand “sustainable profits – Wie lässt sich Wirtschaft nachhaltig gestalten?” statt.

“Für die Menschen wünsche ich mir klug gestaltete Bildung und weniger Gier.”

Du warst ebenfalls in der Lehre tätig. Wie stehen Deine Studenten zu dem Thema Nachhaltigkeit? Gibt es darüber einen allgemeinen Konsens oder machen sich die jungen Menschen keine all zu großen Gedanken über die Zukunft des Planeten?

Die jungen Menschen sind überraschend informiert und machen sich sehr wohl Gedanken dazu.

Jeden Tag können wir in den Medien neue Hiobsbotschaften lesen: Ob weltweites Bienensterben, Trinkwasserverseuchungen in Asien, Regenwaldvernichtung in Südamerika, Versauerung der Meere, Ozonloch, schmelzende Pole, Klimawandel, Fischsterben, Fukushima – die Liste scheint endlos lange: Hat die Menschheit Deiner Meinung nach überhaupt noch eine Chance?

Ehrlich gesagt glaube ich nicht daran. Aber ich hoffe wir können unseren Lebensraum so lange wie möglich lebenswert gestalten.

Zum Schluss noch zwei kurze Fragen: Wie wichtig ist Glück für Dich?

Sehr wichtig, glücklich sein ist mein Motor.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Für die Menschen: wünsche ich mir klug gestaltete Bildung und weniger Gier. Das würde schon den Zugang für alles Weitere einfacher machen. Für mich selbst: lange Vitalität bzw. Gesundheit, stets liebe Menschen um mich herum und das ich mich weiterhin Themen und Projekten widmen kann, die mir Freude bereiten.

Liebe Carolin, vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei Deiner Arbeit und
Erfüllung im Leben.

Weiterführende Links:

Carolin im Netz

Thinkfarm Berlin

Sustainable Design Center

Alex Fuchs
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