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Die Hochschullandschaft begrünen: netzwerk n

netzwerken in akademischen Kreisen| Video: Visual BastARTS

Das netzwerk n ist ein anschlussoffenes Netzwerk mit dem Ziel, die deutsche Hochschullandschaft vor dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung zu transformieren. Beteiligt sind nicht “nur” Studierende, sondern auch Absolventen und Hochschulmitarbeiter. Es vereinigt verschiedenste Nachhaltigkeitsgruppen und –initiativen im Hochschulbereich, wie beispielsweise Greening the University Tübingen oder die Initiative Psychologie im Umweltschutz und viele verschiedene AStA-Referate sowie grüne Uni-Arbeitsgruppen.

Um das Potenzial der vielen bestehenden und sich gerade im Aufbau befindenden studentischen Hochschulgruppen und Initiativen in Deutschland zu entfalten, ermöglicht netwerk n ein gegenseitiges Voneinander-Lernen, insbesondere mit dem Projekt Wandercoaching: Menschen mit Wissen, Erfahrung und Kompetenzen unterstützen durch zweitägige Workshops andere Gruppen rund um das Thema nachhaltige Hochschule und begleiten sie auch über den Workshop hinaus bei ihrer Arbeit.

Interview mit Henrike Wegener, Johannes Geibel und Verena Salomon

Fokussiert ihr Euch auf inhaltliche Nachhaltigkeit – also innerhalb der Lehre – oder angewandte Nachhaltigkeit – also bezüglich der Gebäudeeffizienz etc.? Oder ist das komplett von den lokal agierenden Gruppen abhängig!?

Wir arbeiten an einem umfassenden Verständnis von Nachhaltigkeit in der Hochschullandschaft. Handlungsleitend ist für uns die Erkenntnis, dass das Leitbild der Nachhaltigkeit die Wissenschaft und dabei jede Hochschule in der Gesamtheit strukturell herausfordert. Nachhaltige Hochschule muss mehr bedeuten, als sich beispielsweise in einer Vorlesung zum Thema Unternehmensführung ein halbe Stunde lang mit Umweltmanagementsystemen zu befassen. Vielmehr gilt es zu fragen: Wie können die Wissenschaft insgesamt und jede einzelne Hochschule dazu beitragen, dass Probleme nicht-nachhaltiger Entwicklungen erkannt und erforscht sowie Lösungen dazu erarbeitet werden, mit dem Ziel, dass diese auch und gerade in die Phase der Implementierung gelangen? Wie dies ganz konkret im Bereich Lehre und durch Studierende initiiert geschehen kann, zeigen vielfältige Beispiele quer durch die Republik: im Rahmen des Studium Oecologicum, eines umfangreichen Seminarprogrammes mit ca. 25 Kursen pro Semester an der Universität Tübingen, erlernen die Studierenden Kompetenzen im Sinne einer Bildung für Nachhaltigen Entwicklung (BNE), ebenso im Studium Fundamentale an der Universität Erfurt, im Schlüsselqualifikationsmodul Nachhaltigkeit an der Uni Halle oder auch durch Projektwerkstätten an der TU Berlin sowie der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE).

Für die lokal agierenden Studierendeninitiativen gilt selbstverständlich, dass diese jeweils ihre eigenen Ziele und Strategien verfolgen und dementsprechend divers sind, was ihre konkreten Projekte anbelangt. Durch unsere Arbeit möchten wir einen Wissens-, Erfahrungs-, und Kompetenztransfer ermöglichen, sodass die einzelnen Initiativen noch stärker als bisher ihre Hochschule mitgestalten können.

“Nachhaltige Hochschule muss mehr bedeuten, als sich beispielsweise in einer Vorlesung zum Thema Unternehmensführung ein halbe Stunde lang mit Umweltmanagementsystemen zu befassen.”

Wie stoßt ihr auf die einzelnen, grünen Arbeitsgruppen an den verschiedenen Universitäten – oder stoßen die meist irgendwann auf euch?

Beides ist der Fall. Viel läuft über ‘Mund-zu-Mund-Propaganda’. Wir sind auf vielen Veranstaltungen unterwegs, wo wir Menschen und Projekte kennenlernen und wir diese anschließend ins Netzwerk mit einbinden. Oft stoßen wir aber auch im Netz auf Gruppen oder Initiativen – und diese auf uns.

Versucht ihr in erster Linie, ein großes Sprachrohr für die Vielzahl der Gruppen zu bilden, oder geht es eher darum, dass das Rad nur einmal erfunden werden muss – also Informations- und Materialaustausch zwischen den Gruppen?

Unsere Arbeit zielt auf beides ab: zum einen möchten wir den Informationsaustausch und die gegenseitige Unterstützung zwischen den einzelnen Gruppen ermöglichen. Um im Bild zu bleiben: vielfach sind bereits funktionierende, qualitativ hochwertige und innovative „Räder“ erfunden, die auch an anderen Hochschule ganz gut rollen würden. Zum anderen können und wollen wir noch viel mehr erreichen, als es einzelne Gruppen an den Hochschulen können: wir wollen in der Wissenschaftspolitik mitmischen, neue Ansätze einbringen und ein Verständnis davon erzeugen Studierende als Gestaltungspartner anzuerkennen und damit wertzuschätzen. Dazu sind wir im Kontakt mit wichtigen Akteuren wie beispielsweise dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE).

“Durch unsere Arbeit möchten wir einen Wissens-, Erfahrungs-, und Kompetenztransfer ermöglichen, sodass die einzelnen Initiativen noch stärker als bisher ihre Hochschule mitgestalten können.”

Ihr habt ja nun gerade eine Sommerakademie zu Postwachstum ausgerichtet – habt ihr euch inhaltlich allgemein eher der Postwachstumsökonomie zugewandt? Gibt es bei euch noch regelmäßig Diskussionen zwischen den verschiedenen Auffassungen von Wachstum und dessen Messung?

Die Mitglieder des netzwerk n sind in vielen Bereichen unterwegs – viele beschäftigen sich auch mit Postwachstum, was für andere eher abstrakt scheint bzw. weniger zentral in ihren konkreten Projekten ist.

Das klassische “Drei-Säulen-Modell” der Nachhaltigkeit, welches ein Nebeneinander von Ökologie, Ökonomie und Sozialem unter dem Dach der Nachhaltigkeit propagiert, spiegelt die absolute Limitierung der natürlichen Ressourcen, welche unsere Lebensgrundlage darstellen, nicht angemessen wieder. Vielmehr sind die ökologischen Grenzen unseres Planeten absolut und bilden den Rahmen für das soziale und ökonomische Handeln der Menschheit. Auf diesem Gedanken fußt das Konzept der „starken Nachhaltigkeit“ (im Gegensatz zur „schwachen Nachhaltigkeit“), welches wir vertreten. Das bedeutet, dass wir, also vor allem der globale Westen, uns bestimmte Dinge nicht mehr leisten können und Änderungen unseres Lebensstiles, unserer Konsummuster und Produktionsweisen dringend notwendig sind. Neben Effizienz- und Konsistenzstrategien ist vor allem die Suffizienz zentral. Die notwendige Transformation muss dabei nicht unbedingt und ausschließlich Verzicht bedeuten, sondern bietet im Gegenteil vielfältige Chancen. Institutionen spielen eine wichtige Rolle, um zukünftigen Generationen Handlungsoptionen zur Verfügung zu stellen.

Letztlich geht es in der Nachhaltigkeitsdebatte um die Frage, wie eine zukunftsfähige Gesellschaft aussehen könnte und wie sich diese gestalten lässt. Dazu gehören Themen wie “Buen Vivir”, also das “gute Leben”, aber auch die Infragestellung des Wachstumsdogmas, welches Verursacher zahlreicher Probleme der Nicht-Nachhaltigkeit ist. Unser Planet ist mit seinen begrenzten Ressourcen nicht imstande, den ansteigenden materiellen Bedarf eines sich verbreitenden auf Wachstum fokussierten westlichen Lebensstils zu befriedigen. Dies ist jedoch auch gar nicht nötig, wenn wir den Mut haben, Lebensstile neu zu denken und zukünftig mehr zu teilen, selbst zu produzieren etc. Zu dieser ausstehenden großen Transformation leisten Nachhaltigkeitsinitiativen in verschiedensten Bereichen einen wichtigen Beitrag. Und dann ist Nachhaltigkeit kein abstraktes und mit „Verzicht“ verbundenes Thema, sondern verändert und bereichert das eigene Leben ganz konkret.

“Die notwendige Transformation muss dabei nicht unbedingt und ausschließlich Verzicht bedeuten, sondern bietet im Gegenteil vielfältige Chancen.”

Woher schöpft ihr eure Motivation und Kraft für die doch teilweise sehr anstrengende Organisationsarbeit?

Na aus dem heeren Ziel heraus (schmunzelt). Und ich habe persönlich auch andere, teilweise direkter wirkende Projekte, ich betreue zum Beispiel ein Bienenvolk. Für mich ist die Balance wichtig: manchmal stecke ich meine Energie in kleinere, direkte Projekte, manchmal in größere, die ihre Wirkung erst über ein paar Ecken entfalten – dann aber umso schöner.

Ich schöpfe meine Kraft aus der Begeisterung vieler Studierender und Initiativen, wenn wir von unserem Vernetzungsgedanken und unseren Projekten berichten. Der Bedarf einer ebensolchen Verzahnung des vorhandenen Wissens und Förderung motivierter Nachhaltigkeitsengagierter ist immens. Zwar bedeutet es einen großen koordinatorischen Aufwand, und wir würden uns sehr über weitere strukturelle Förderung unserer Arbeit freuen. Doch schon heute zeigen sich unzählige Synergie-Effekte und durch die Vernetzung und den Erfahrungsaustausch unter den Gruppen entstehen beeindruckende Projekte, die uns zeigen, dass unsere Arbeit Sinn ergibt und wir somit einen Beitrag zur Transformation der Hochschullandschaft leisten können.

Inwieweit setzt ihr selber eure Forderungen um? Wo laufen eure Server, wie organisiert ihr eure Treffen?

Damit sprecht ihr einen wichtigen Punkt an! Die Nachhaltigkeit, die wir von unseren Hochschulen einfordern, möchten wir selbst auch in unserer täglichen Arbeit leben. Für Website und Verteiler nutzen wir Greensta, deren Server ausschließlich durch Ökostrom von Greenpeace Energy eG versorgt werden. Viele Treffen finden im virtuellen Raum statt und machen damit zahlreiche Reisen überflüssig. Doch kommt Vernetzungsarbeit nicht ohne physische Treffen aus: sich persönlich zu begegnen ist essentiell für ein dauerhaft erfolgreiches Zusammenarbeiten. Solche Vernetzungstreffen gestalten wir möglichst nachhaltig: An- und Abreise erfolgen klimafreundlich per Bus oder Bahn. Und unsere Verpflegung ist vegetarisch/vegan und auf jeden Fall lecker (lacht). Auch die Art und Weise wie wir zusammenarbeiten entspricht dem, was wir uns vermehrt an Hochschulen wünschen: Offenheit für andere Perspektiven und neue Formate, Zeit für Freiräume und kreative Gedanken, Partizipation der Beteiligten von Beginn an. Wir arbeiten alle nur Teilzeit, um auch andere wichtige Teile unseres Lebens wertschätzen zu können. „Denkt auch an den eigenen Wandel“ wurde uns von netzwerk-Kollegen mitgegeben. Und das versuchen wir täglich aufs Neue.

“Doch sind wir davon überzeugt, […] dass unsere Generation nicht minder politisch ist oder weniger Drang zur Veränderung verspürt, als Generationen vor uns.”

Habt ihr das Gefühl, dass mit der Bachelor-/Masterumstellung die Zeit und Bereitschaft der Studierenden sich außeruniversitär zu engagieren nachgelassen hat!?

Sicher hat die Bologna-Reform viele Dinge verändert, wie auch die Tatsache, dass durch den Wegfall der Wehrpflicht und der Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr die Studierenden doch merklich jünger an die Hochschulen kommen. Doch sind wir davon überzeugt, und das zeigen viele Gruppen durch beeindruckende Projekte, dass unsere Generation nicht minder politisch ist oder weniger Drang zur Veränderung verspürt, als Generationen vor uns. Doch brauchen und finden sie dafür vielfach andere, neue Formate. Und genau darum geht es uns auch: kreativ mit den veränderten Rahmenbedingungen umzugehen und passende Formate für studentisches Engagement zu finden, sodass sich der junge Wille zur Veränderung weiterhin und verstärkt in Taten artikuliert.

Könnt ihr da ein paar Beispiele nennen?

Beispiele gibt es hier zuhauf: von Initiativen, die einzelne Projekte umsetzen bis zu Initiativen mit holistischen Ansätzen, welche Nachhaltigkeit als Paradigma für alle Bereiche der Hochschule ausbuchstabieren. Ein schönes und erfolgreiches Beispiel sind die Projektwerkstätten, bei denen Studierende selbstbestimmt lernen und forschen können. Zwei ProjektleiterInnen erhalten dazu für zwei beziehungsweise vier Semester einen Vertrag als studentische Hilfskraft und alle weiteren TeilnehmerInner bekommen für die erbrachte Studienleistung Leistungspunkte.

[Übersicht über die gesamte Vielfalt studentischen Nachhaltigkeitsengagements]

Vielen Dank für das Gespräch und bis bald!

 

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