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Nachhaltigkeit & Wettbewerbsfähigkeit

Forschen an der “Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik” in Leipzig

Foto: privater Bestand Klaus Wurpts

Foto: privater Bestand Klaus Wurpts

Klaus Wurpts hat nach dem Abitur und Zivildienst beim Wasserwirtschaftsamt Aurich ab 1997 in Leipzig Politikwissenschaften und Journalistik (M. A.) und in Paris Politologie mit Schwerpunkt Wirtschaft (Dipl.-Pol.) studiert. Während des Studiums, und teils schon zuvor, hat Herr Wurpts  als freier Autor und Publizist gearbeitet, diverse studienbegleitende Praktika in der Wirtschaft absolviert und wissenschaftliche Hilfsarbeiten an verschiedenen Instituten geleistet. Ab 2003 arbeitete der heutige Vater zweier Söhne als Projektleiter “Clustermanagement” bei der Regionalmarketing für Mitteldeutschland GmbH, ab 2005 als Geschäftsführer für die dazu umbenannte Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland GmbH, ab 2011 als Projektkoordinator an der HHL – Leipzig Graduate School of Management und seit 2014 als Freier Berater. Seit 2013 ist Klaus Wurpts außerdem freier Mitarbeiter an der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig, forscht und berät heute zu Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit.

Interview mit Klaus Wurpts

Herr Wurpts, „Nachhaltigkeit” wird heute inflationär in fast jeder Branche benutzt. Der Begriff an sich ist nicht ganz unproblematisch, da er heute oft für vieles und nichts als Schlagwort benutzt wird. Können Sie für uns eine Begriffsdefinition vornehmen, die für Sie gültig ist?

Ja, das kann ich inzwischen, und zwar wissenschaftlich-theoretisch fundiert, – und danke Ihnen deshalb für dieses Interview. – Hoffentlich wird es viel gelesen, denn das Fundament fehlt noch den meisten, leider!

Zunächst aber einmal: Ja, es ist zukunftsschädigend wie inflationär heutzutage von „Nachhaltigkeit“ die Rede ist. Und gemeinhin wird darunter nur verstanden, Ökonomisches müsse mit Ökologischem und Sozialem verknüpft werden. Bei Volkswirten ist dabei von „starker“ und „schwacher“ Nachhaltigkeit die Rede, wobei erste – die „starke“ – meint, wir müssten, vereinfacht formuliert, vor allem unsere Umwelt für künftige Generationen erhalten und alles andere dem unterordnen, insbesondere unsere Lebens- und Wirtschaftsweise. Vertreter der zweiten, „schwachen“ Nachhaltigkeit, nehmen an, wir könnte weitere Naturschäden ja durch anderes, wie z.B. neue Technologien, mehr Geld und so, ersetzen und sollte uns primär darauf konzentrieren neuen Mehrwert zu genieren. – Das lasse ich beides mal so stehen. Denn selbst die Fraunhofer-Gesellschaft hat 2011 geschrieben es gäbe ja keine „Theorie” zur „Nachhaltigkeit”. – Doch dies ist falsch, und damit zu Ihrer gewünschten Begriffsdefinition:

Mein nebenberuflicher Arbeitskollege in der Forschung, Herr Professor Felix Ekardt, hat 2004 seine Habilitationsschrift zur „Theorie der Nachhaltigkeit“ herausgebracht, und dieses, ein über 700 Seiten starkes, argumentativ nicht widerlegbares Werk, besagt: „Nachhaltigkeit“ bedeutet globale Gerechtigkeit im Sinne elementarer Lebensentfaltungsmöglichkeiten für alle Generationen.

„Nachhaltigkeit“ bedeutet globale Gerechtigkeit im Sinne elementarer Lebensentfaltungsmöglichkeiten für alle Generationen.Prof. Felix Ekardt

Wie lässt sich jetzt Ihre Begriffsdefinition auf das Thema Wettbewerbsfähigkeit anwenden, welche Tendenzen und Trends zeichnen sich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ab und vor allem – was kann man sich unter „nachhaltiger Wettbewerbsfähigkeit“ vorstellen?

In der Mainstram-Wissenschaft wird vor allem danach gesucht, wie durch ökologische und soziale Aspekte – vereinfacht ausgedrückt – der Gewinn unserer Unternehmer erhöht werden kann. Dem ist nichts zu entgegnen, denn Unternehmen müssen ja prinzipiell schwarze Zahlen schreiben, um niemand entlassen zu müssen. Ich sehe das aber eher als ersten erfolgreichen Schritt in Richtung Zukunft. Denn ausreichend in Sachen Nachhaltigkeit ist das nicht. Und „nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit“ erscheint mir wie ein tautologisches Wortspiel. Seitens der Konsumenten – wie Sie und ich – kommen wir an einem “materiellen Weniger” nicht vorbei, wenn wir unsere schöne Erde für unsere Nachkommen nicht noch mehr zerstören wollen. Seitens der Unternehmen gilt es entsprechend neue, vor allem funktionelle und langfristig erhaltbare Produkte mit entsprechenden Dienstleistungen zu generieren. So könnte ein Automobilhersteller auch als Car-Sharing-Anbieter aktiv werden und gegebenenfalls nur den Elektromotor recyclen und durch einen optimierten ersetzen, wenn es da Innovation gibt. Der Bohrmaschinenhersteller könnte für seine Produktgarantie und entsprechenden Reparatur- oder Austausch-Services einen höheren Preis verlangen. Und dieses müsste er nach jüngsten Konzepten auch, wenn wir anfangen, die eine Bohrmaschine mit den Nachbarn zu teilen, und nicht jeder eine im Keller stehen hat. Geht sie kaputt, gibt es eine Neue umsonst, und die Teile der alten werden alle vom Hersteller wiederverwertet. – Und so weiter und so fort. – Überlegungen und Konzepte gibt es eine Menge, doch müssen Konsumenten und Unternehmer dafür erstmal diesem Teufelskreis des immer Mehrs entkommen. Denn grenzenloser Wachstum auf Materiellem ist schlicht nicht möglich. Wir haben schon jedes Jahr im Sommer mehr Ressourcen verbraucht, als nachwachsen. Die seltenen Erden eingerechnet, die wir für Computer und so brauchen, nutzen wir bereits 1,5 Erden jährlich. – Und dieses äußerst ungerecht, was angesichts der ebenso ungleichen Betroffenheiten durch den Klimawandel zu erheblichen Herausforderungen in der Zukunft sorgen wird.

Ohne dem materiellen ist auch nicht-materielles Wachstum durch Dienstleistungen und so undenkbar. – Wir müssen uns kurz oder lang vom Wachstum verabschieden.

 Aktuell forschen Sie zum Thema „Wege zu einer nachhaltigen vierten Industriellen Revolution“. Welche großen Veränderungen – gerade in Hinblick auf die zunehmend globalisierten Märkte – sehen Sie in den nächsten Jahren auf uns zukommen? Hat das System „grenzenloser Wachstum“ in einem begrenzten Lebensraum weiterhin Zukunft?

Mit der vierten industriellen Revolution ist, vereinfacht formuliert, die Verknüpfung von Internet und Produktionsprozessen inklusive einer weitestgehend automatisierten Produktion gemeint. Sie bietet uns von meinem Standpunkt aus viele, viele Chancen aber eben noch mehr Herausforderungen. Doch lassen Sie mich Ihnen zunächst erklären, dass bereits unsere wunderbare, andauernde dritte Revolution, also die zunehmende globale Vernetzung per Internet nicht nur tolle Chancen für mehr Austausch und somit globaler Empathie bietet, sondern auch Fragen für unsere Zukunft aufkommen lässt: Wo sollen die ganzen Computer mit ihren seltenen Erden und der dafür benötigte – natürlich umweltfreundliche – Strom denn herkommen, wenn weltweit alle sieben Milliarden Menschen so wie wir täglich skypen, chatten und googlen wollen? Außerdem: Vielleicht braucht Al Quaida dann keine Bomben mehr, sondern müsste sich nur mit der Knete der Ölscheichs ein paar NSA-Emigranten anheuern, um uns auf dem digitalen Wege terrorisieren zu können. Sprich, Datensicherheit ist ein elementares Zukunftsthema. Als Veränderungen, die sich durch die vierte industrielle Revolution ergeben, sind sowohl positive als auch „herausfordernde“ auszumachen. Positiv sind neue Arbeits- und Geschäftsmodelle, mit denen unser demographischer Trend und der zunehmenden und nötigen Urbanisierung begegnet werden kann; von billigeren und besseren individuellen Produkten, die auch möglich sein werden, möchte ich hier nicht reden. Dann beginnen die Herausforderungen: So könnte der Konsumhype verstärkt, mehr Materialien trotz Effizienz verbraucht und der nötige Aufholprozess für Entwicklungsländer zusätzlich erschwert werden. Durch die neuen Organisationsmodelle mit weniger Hochqualifizierten in entspannterer Arbeit sehe ich auch die Gefahr wachsender sozialer Spannungen durch entsprechend weiter wachsende soziale Ungleichheiten. Und, ach ja, wegen Ihrer Frage: Grenzenloses Wachstum ist schlicht und einfach nicht möglich, wie eben gesagt. Das erlauben die Ressourcen und das erlaubt unsere Biosphäre nicht, und gerecht, insbesondere für meine Enkelkinder und so wäre das schon gar nicht. – Und soviel zuletzt: Ohne dem Materiellen ist auch nicht-materielles Wachstum durch Dienstleistungen und so undenkbar. – Wir müssen uns, kurz oder lang, vom Wachstum verabschieden.

Ein zentrales Anliegen sind für die „Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik“, der Sie angehören „überraschende, transdisziplinäre, allein der Qualität verpflichtete, gedanklich unabhängige und zuweilen auch richtig unbequeme Analysen und Lösungsansätze jenseits gängiger Muster“. Könnten Sie uns bitte an einem Beispiel einen dieser „unbequemen Lösungsansätze“ in Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit geben?

Da muss und will ich vorsichtig sein, – weil realitätsnah bleiben. Das Unbequeme könnte zum Beispiel darin bestehen, dass sich Unternehmen verstärkt dem auszumachenden Trend der Moralisierung der Märkte aussetzen, das heißt komplett auf Bio, Öko und so mit Betriebskindergarten, Solarstrom, Kantine ohne Fleisch, Produktverpackung aus Recycling-Papier setzen. In der Fernsehwerbung gibt es dann keine emotionalisierenden bunten Bilder mehr, sondern einen sachlich wirkenden Professor-Typ, der Sie, sehr geehrte Damen und Herren, darüber informieren möchte, dass wir unser Produkt weiter optimieren konnten und wir dafür gerne bei Ihnen vorbei kommen, das einzelne Modul auswechseln und dann recyclen. Oder: Kommen Sie gerne auch bei uns vorbei, die Kundenbetreuung finden Sie nahe der Kita am Betriebspark neben dem Teich. Falls Sie noch die alte Version aus den 80ern haben, finden Sie auf unserer Homepage auch ein Verzeichnis, wo Sie einfach ihre Postleitzahl eingeben können, um das neue Gerät in der Nachbarschaft zu leihen. – Also die neue Wettbewerbsfähigkeit, soviel, um den Faden nicht zu breit zu spannen, darf im Sinne von Nachhaltigkeit nicht in einem “noch mehr Materielles konsumieren” bestehen, soviel dürfte klar sein.

Also die neue Wettbewerbsfähigkeit […] darf im Sinne von Nachhaltigkeit nicht in einem “noch mehr Materielles konsumieren” bestehen, soviel dürfte klar sein.

Für Professor Felix Ekardt, den Gründer und Leiter der Forschungsstelle, ist Nachhaltigkeit im Kern eine Frage von Freiheit und Menschenrechten. In vielen Ländern – auch in Deutschland – sind in den letzten Jahren politische Entscheidungen zugunsten multinationaler und global agierender Unternehmen getroffen worden, die nicht unbedingt für Ihr Engagement in eine nachhaltigere Welt oder für Menschenrechtsbelange bekannt sind, sondern vielmehr einzig und allein an Profitmaximierung. Glauben Sie, dass in Zukunft die Gesellschaft in der Lage sein wird den nötigen Druck zu erzeugen, um eine globale Wende in eine nachhaltiger Welt zu ermöglichen oder sehen Sie ähnlich pessimistisch in die Zukunft wie etwa Stephen Hawking, der vor kurzem proklamiert hat, dass die Menschheit sich doch einen neuen Planeten suchen sollte, da unserer bereits verloren sei?

Danke für diese spannende letzte Frage. – Also, zunächst möchte ich noch einmal wegen der eingangs gestellten Frage darauf hinweisen, dass Felix Ekardt „Nachhaltigkeit“ als globale Gerechtigkeit für alle Generationen unwiderlegbar begründet hat. Und um das zu erreichen stehen uns als Menschheit auf dieser schönen Welt in der Tat große Herausforderungen bevor, welche insbesondere in der Abkehr von unserer statusorientierten materiellen Konsumgüterkultur hinzu globaler Empathie und Solidarität bestehen muss. So sehr ich Stephen Hawking auch schätze, die Überlegung, nach anderen Planeten zu suchen oder zumindest von anderen Planeten Rohstoffe zu besorgen, halte ich aus heutiger Perspektive für unrealistisch und nicht nötig. Es gibt uns Menschen mit unserer tollen Bewusstseinsausprägung erst seit rund 50.000 Jahren und es bleiben uns für weitere Generationen noch mehrere Millionen Jahre, bevor es durch die Sonne zu heiß wird. Meines Erachtens „checken“ das immer mehr, Stichwort LOHAS, Buddhismus-Hype. Und so wird sich in paar Jahrzehnten, wenn wir die Klimakriege und so hinter uns haben sicherlich eine völlig neue Erdkultur entwickelt haben. Ich denke positiv und freue mich für unsere Nachfahren.

Herr Wurpts, vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre spannenden Antworten. Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft weiterhin viel Erfolg.

Kontakt zu Klaus Wurpts

Alex Fuchs
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