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Leihbar – ein Start-up will das Teilen einfacher gestalten

Shareconomy: Leihen statt Kaufen| Video: Visual BastARTS

Produkte zu teilen ist nicht nur praktisch, weil Stauraum-, Kaufentscheidungs- und Entsorgungsabnehmend, und sozial, weil man mit anderen Tauschenden in Kontakt kommt, sondern auch ökologisch. Anstatt Bohrer, Beamer, Staubsauger etc. zu kaufen, kann der Nutzer einfach an eine Sharing-Box gehen, auf dem interaktiven Bildschirm das Tauschgut auswählen und gegen eine faire Gebühr leihen.

Für eingefleischte Tauscher mag das nach Green Growth riechen, schließlich müssen die Boxen produziert werden etc., jedoch darf nicht vergessen werden, dass die Anzahl der Tauschläden und Umsonstläden winzig ist. Auch geht die Vision des Leihbar-Teams weiter, sie wollen nicht nur die Produkte verleihen, sondern auch Partnerschaften mit den Produzenten der Gegenstände eingehen. Die sollen ihre Produkte selber in den Sharing-Boxen verleihen und im Falle des Falles reparieren. Das könnte manches Unternehmen, das auf Massenware, geringer Qualität, Reperaturunfreundlichkeit oder gar geplante Obsoleszenz setzt, zum Umdenken bewegen.

Interview mit Michael Conzelmann von Leihbar

Was mit sofort auffiel: ihr habt ja einen extrem ökologischen Ansatz und könntet berechtigterweise damit werben, dennoch betont ihr diesen Ansatz auf eurer Homepage kaum. Habt ihr bewusst darauf verzichtet, weil der Begriff Nachhaltigkeit durch Übernutzung und Missbrauch teilweise untragbar zu sein scheint, oder wollt ihr einfach einen anderen Fokus setzen?

Nachhaltigkeit wird tatsächlich sehr inflationär verwendet und hat einen faden Beigeschmack bekommen. Nachhaltigkeit klingt nach Verzicht, zusätzlich wird von vielen NGOs immer noch die Schuldfrage verhandelt. Ethischer Konsum heißt das dann, das Richtige zu tun hat einen fast religiösen Charakter angenommen. Das Geschäft von atmosfair und anderen Plattformen, auf denen man seine CO2-Emissionen kompensieren kann, wird von Ungläubigen als moderner Ablasshandel bezeichnet. Das schlägt sich dann auch im Verbraucherverhalten nieder. Menschen werden nicht gerne mit ihren eigenen Schwächen konfrontiert: Sie konnten dem Winterurlaub in wärmeren Gefilden einfach nicht widerstehen. Verzicht und Schuld sind Gefühle, die zu einmaligen Spenden motivieren, aber nicht für eine dauerhafte Verhaltensänderung geeignet sind.

“Nachhaltigkeit klingt nach Verzicht, zusätzlich wird von vielen NGOs immer noch die Schuldfrage verhandelt.”

Bei Leihbar sprechen wir daher lieber von Zukunftsfähigkeit. Aber auch diesen Begriff sucht man auf unserer Website vergebens. Solch eine „sticky habit“, eine nachhaltige Verhaltensänderung, die haften bleibt, erreicht man nicht über gute Argumente. Das hat beim Carsharing auch schon nicht funktioniert. Auch vor 10 oder 20 Jahren war es wirtschaftlich und ökologisch nicht sinnvoll, ein eigenes Auto zu besitzen. Carsharing war aber einfach zu kompliziert und nicht sexy genug. Der amerikanische Anbieter Zipcar hat kürzlich mit dem Claim geworben: „300 Stunden Sex, 400 Stunden Parkplatzsuche.“ Das funktioniert: Befrei Dich von belastendem Besitz und mach was Besseres mit Deiner Zeit. Immer mehr Menschen sehnen sich nach diesem Gefühl. Und das wollen wir unseren Nutzern bieten. Wir erklären ihnen, wie Leihbar ihr Leben bereichern kann. Sie sollen etwas für sich tun, nicht gegen den Weltuntergang. Wir bieten hochwertige Geräte, deren Benutzung Spaß macht, wir vereinfachen mit unseren Leihautomaten den Zugang radikal. Wir bringen gute Dinge zu den Nutzern. Unser Anspruch nur ökologisch, wirtschaftlich und sozial zukunftsfähige Unternehmen zu listen, ist völlig nebensächlich, wenn die Erfahrung des Leihens sich nicht gut anfühlt, wenn das Richtige nicht zugleich begehrenswert ist.

Das ist natürlich ein Bruch mit der Idee, dass die Verbraucher aufzuklären zu besserem Konsum führt. Da hat sich ein Bewusstseins-Fetisch entwickelt, der nicht zielführend ist. Gegenwärtig ist es doch so: Ein LOHAS-Architekten-Pärchen in seiner 100qm Altbauwohnung, das zweimal im Jahr zum Ayurveda-Camp nach Indien fliegt, verhält sich ökologisch weniger zukunftsfähig als die türkische Familie, die zu fünft auf 80qm im Neubau wohnt. Da können die ersteren noch so viel Bio kaufen, der größte Faktor in der persönlichen Energiebilanz sind Klima und Verkehr. Natürlich ist das sehr plakativ, dieser „Green Gap“, die Kluft zwischen dem gefühlten und dem tatsächlichen zukunfstfähigen Verhalten kann aber enorme Ausmaße haben. Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen das Richtige tun, weil es das Einfachste ist. Wichtig ist, dass es zukunftsfähige Unternehmen wie Leihbar gibt, die einem ein Stück Seelenfrieden zurückgeben, weil sie eine in der Wissensgesellschaft immer wichtigere Dienstleistung bieten: Komplexitätsreduktion.

“Das funktioniert: Befrei Dich von belastendem Besitz und mach was Besseres mit Deiner Zeit.”

Wenn die Nutzenden im Endeffekt nicht nur Stauraum und Ressourcenverbrauch, sondern auch Geld einsparen, ist es dann nicht vor allem entscheidend, wofür das ersparte Geld dann ausgegeben wird – ob nun für hochwertige Lebensmittel oder eine Flugreise?

Diese Überkompensationen oder auch Rebound-Effekte sind ein gerne dsikutiertes Thema. Momentan wäre das natürlich ein Problem: Wenn alle das Versprechen der Shareconomy einlösen würden, hätten wir am Ende eine viel effizientere Verteilung von Gütern und freigewordene Kaufkraft bei den Konsumenten, die diese dann in absurde Luxusgüter stecken könnten. Da wird aber von der Voraussetzung ausgegangen, dass die Kaufkraft dieselbe bleibt. Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, die dem widersprechen. Sozialsysteme wie das Rentensystem erreichen die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit. Die fossilen Brennstoffe, die unsere Wirtschaft antreiben, gehen zur Neige. Immer höhere Staatsverschuldung ist nur möglich, wenn gleichzeitig die Inflation steigt und die Wirtschaft wächst. Alle Zeichen deuten aber darauf hin, dass wir auf dem Weg in eine Postwachstumsökonomie sind, eine Wirtschaft jenseits des Wachstums. Unsere sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Systeme stehen vor einem Peak-Everything. Wir werden gezwungenermaßen lernen müssen, mit weniger Kaufkraft auszukommen. Im Privaten Geld zu sparen wird also nicht zur Chance, an anderer Stelle mehr zu konsumieren, sondern zur einer Bedingung, mit dem Weniger einen ähnlichen Lebensstandard aufrecht zu erhalten.

Was sind die größten Schwierigkeiten in eurem Anfangsprozess?

Als die Leihbar-Idee geboren wurde, waren wir nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Wir wollten es gleich von Anfang an richtig machen. Also Partnerunternehmen finden, die uns ihre Produkte zur Verfügung stellen, damit wir sie an die Nutzer verleihen können. Durch die Beteiligung der Hersteller an den Nutzungsgebühren haben diese dann einen Anreiz, langlebige Geräte herzustellen, diese auf Reparierbarkeit hin zu designen. Wir führen die Rohstoffe am Ende des Lebenszyklus zurück an die Hersteller, ermöglichen eine Kreislaufwirtschaft. Wir sind der Gatekeeper, der sozial und ökologisch zukunftsfähige Unternehmen identifiziert, wir bündeln die Nachfrage und verändern den Markt.

“Alle Zeichen deuten aber darauf hin, dass wir auf dem Weg in eine Postwachstumsökonomie sind, eine Wirtschaft jenseits des Wachstums.”

Von mehreren Seiten wurde uns dann aber klar gemacht: Wir haben noch keinen Proof of Concept. Es gibt momentan noch keine Leihautomaten in der Form, wie wir sie uns vorstellen. Wir müssen erst einmal beweisen, dass unsere Idee funktioniert, dass die Nutzer bereit sind, Geld für das Leihen zu bezahlen. Und selbst mit diesem Beweis ist die Partizipation der Hersteller fraglich. Wir sind einfach noch ein zu kleiner Fisch, der von uns erbrachte Umsatz für die Unternehmen stellt nur einen Bruchteil des Verkaufsumsatzes dar. Und bisher funktioniert das Verkaufen ja noch ganz gut. Auch wenn Unternehmen wie Media Markt mittlerweile 30 Monate zinsfreie Finanzierung anbieten, um die Käufer zu locken. Die Kaufkraft und damit der Konsum sind hoch, Rohstoffe weiterhin preiswert. Die meisten Unternehmen denken nicht 10 Jahre in die Zukunft. Für sie und die Anleger zählt der nächste Quartalsabschluss.

Also mussten wir unser Konzept verändern. Wir mussten erkennen, dass wir nur einen Bruch mit dem Business as Usual auf einmal wagen können: Nutzen statt Besitzen. Und später dann die Kreislaufwirtschaft. Ein Schritt nach dem anderen. Wir kaufen nun die Produkte und spekulieren darauf, gute Einkaufspreise zu bekommen. Weil unser Service innovativ ist und wir auf Qualität setzen, hat das einen Marketingeffekt auf die bei uns gelisteten Unternehmen. Außerdem gibt es von jedem Produkt nur eines, was ein Alleinstellungsmerkmal ist.

Bei unserem ursprünglichen Konzept hatten wir keine Kapitalbindung in den Geräten, wir hätten die Geräte für die Hersteller verliehen, sie wären in deren Besitz geblieben. Jetzt müssen wir alles vorfinanzieren. Dazu kommen die Entwicklungskosten für die Hardware und Software der Sharing-Box. Eine Website und eine App brauchen wir auch. Am Ende ist das größte Problem das gleiche wie bei allen Start-Ups: Wie finanzieren wir das alles? Wie haben die Leidenschaft, das Wissen und die Vision. Aber wo kommt das Geld her?

Setzt ihr auf eine Partnerschaft zu großen Unternehmen, Seed Investionen von Start-up-Investoren oder Crowdfunding?

Leihbar ist eine klassische Crowd-Company. Wir bieten zahlreiche Dienstleistungen, die unseren Nutzern das Leben einfacher machen: Nutzen statt Besitzen, Komplexitätsreduktion, Seelenfrieden. Also liegt es nahe, unsere Nutzer so früh wie möglich an der Finanzierung zu beteiligen. Wir setzen auf Presumption: Unsere Nutzer erwerben eine Dienstleistung, bevor diese existiert. Wir bieten Interessierten auf unserer Website die Möglichkeit, uns Ihre Postleitzahl und besser noch Straße mitzuteilen. Dadurch wissen wir, wo die Nachfrage am höchsten ist. Dann suchen wir in diesen Kiezen nach geeigneten Standorten. Diese lassen wir im Crowdfunding gegeneinander antreten. Die User erwerben Startguthaben für unseren Service, die Location mit der höchsten Fundingsumme erhält eine Sharing-Box. So können wir im besten Fall die Hardware und die Geräte komplett vorfinanzieren. Die Nutzer schenken uns nichts, sie bezahlen im Voraus. Sie konsumieren nicht, sie präsumieren. Und wir beteiligen die Nutzer an unserem Erfolg. Wenn weniger Schäden eintreten, als wir kalkuliert haben, fallen die Nutzungsgebühren.

“Die meisten Unternehmen denken nicht 10 Jahre in die Zukunft. Für sie und die Anleger zählt der nächste Quartalsabschluss.”

Diese Art von Crowdfunding ermöglicht von Anfang an einen Dialog mit den Nutzern. Wir wollen ihnen nichts aufdrängen, wir organisieren eine gesellschaftliches Bedürfnis in Form eines Unternehmens. Die Nutzer können andere motivieren, mitzumachen und Selbstwirksamkeit spüren: Leihbar kann mein Leben besser machen und ich kann selbst dafür sorgen, dass es schon morgen so ist. Das ist ein Gegenangebot zu der Ohnmacht, die viele Konsumenten empfinden. Ihr Handeln hat ganz konkrete und unmittelbare Auswirkungen auf ihr Leben.

Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche noch viel Glück.

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