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Psychologie vs. Nachhaltigkeit

Initiative Psychologie im Umweltschutz (IPU e.V.) |Interview: Marius Hasenheit | Video: Visual BastARTS

Die Initiative Psychologie im Umweltschutz (IPU) e.V. ist ein bundesweiter Verein für Studierende und Berufstätige – nicht nur aus dem Bereich der Psychologie – für die Förderung von Umweltschutz und Nachhaltigkeit mit den Mitteln der Sozialwissenschaften im Allgemeinen und der Psychologie im Speziellen.

Interview mit Jan Eickhoff, Caroline Verfürth, Daniel Löschinger, Laura Henn – im Video auch Karen Hamann und Karsten Valerius von IPU e.V.

Welchen Beitrag leistet die Psychologie zu einem besseren Umgang der Menschen mit der Natur?

In den letzten 200 Jahren ist die Weltbevölkerung exponentiell gewachsen und die Menschen greifen stark in die ökologischen Systeme der Erde ein. Die Entstehung wie auch die Lösung von Umweltproblemen hängt also von menschlichem Verhalten ab. Und hier leistet die Psychologie als Wissenschaft des menschlichen Verhaltens und Erlebens einen wichtigen Beitrag.

Im Rahmen der Energiewende wird in Deutschland zum Beispiel gerade erforscht, wovon es abhängt, dass Haushalte Strom sparen. Mithilfe dieses Wissens kann man dann Haushalte gezielt beim Stromsparen unterstützen. So brauchen beispielsweise Haushalte, die sich bisher noch überhaupt nicht für Stromsparen interessieren eine andere Unterstützung als Haushalte, die bereits sehr motiviert sind, aber noch wenig umsetzen. Oder es stellt sich die Frage, wie man den Stromverbrauch so an Haushalte zurückmelden kann, dass diese motiviert sind, Strom zu sparen.

Ein besseres Verständnis der Wahrnehmung und des Verhaltens hilft dabei, Visionen für eine nachhaltigere Gesellschaft zu entwickeln. Denn nur mit den Menschen ist ein Wandel zu erreichen.

Wenn ihr euch u.a. mit Konsummustern beschäftigt, stoßt ihr dann auch regelmäßig auf den Reboundeffekt – also dass die Energiesparlampe länger brennt, weil sie ja so wenig Strom verbraucht?

Der Rebound-Effekt bedeutet, dass technisch effizientere Lösungen nicht zu einem tatsächlichen Rückgang in der Ressourcennutzung führen. Wenn meine Energiesparlampen also weniger Strom verbrauchen, kann es passieren, dass ich weniger darauf achte, das Licht auszuschalten. Außerdem könnte es sein, dass ich infolgedessen andere Geräte, wie zum Beispiel den Computer länger laufen lasse, weil ich ja durch die Energiesparlampen das Gefühl habe Strom zu sparen. Das kann sogar so weit gehen, dass ich am Ende trotz effizienterer Technologie mehr Energie verbrauche als vorher.

Im Fall von Elektroautos hat sich beispielsweise gezeigt, dass diese bisher eher als zusätzliches Fahrzeug angeschafft werden und die eigentlichen PKW-Kilometer nicht reduzieren. In diesem Zusammenhang ist es auch die Aufgabe der Psychologie zu erforschen, wovon es abhängt, dass neue Technologien akzeptiert und genutzt werden.

Umweltpsychologie versucht herauszufinden, warum genau es zum Rebound-Effekt kommt und wie man ihn verhindern kann, was man also tun kann, damit die Leute eben nicht einfach an anderer Stelle die gesparte Energie oder das gesparte Geld verbrauchen.

“Ein besseres Verständnis der Wahrnehmung und des Verhaltens hilft dabei, Visionen für eine nachhaltigere Gesellschaft zu entwickeln. Denn nur mit den Menschen ist ein Wandel zu erreichen.”

Ihr organisiert jeden Sommer und Winter einen Kongress, der auch immer sehr schnell ausgebucht ist – was wird der kommende Kongress zum Thema haben!?

Wir organisieren jedes Jahr zwei Kongresse, einen im Sommer und einen im Winter. Der letzte IPU-Kongress fand vom 4. bis 7. Dezember 2014 im Ruhrgebiet unter dem Thema „Umweltpsychologie für den kommunalen Klimaschutz“ statt. Das war etwas ganz besonderes, weil die Stadt Dortmund uns eingeladen hat, mit ihren lokalen Klimaschutz-Akteuren zusammen zu kommen und ihnen umweltpsychologische Impulse zu geben. Das heißt, dass wir neben unserem eigenen Austausch zu Umweltpsychologie auch die direkte praktische Anwendung erproben konnten. Der nächste Kongress vom 14. bis 17. Mai widmet sich dem Thema „Commons“ – also Gemeingütern. Zu den Kongressen werden immer auch Referent*innen eingeladen Workshops zu halten, um die vielfältigen Seiten und Beschäftigungsfelder der Umweltpsychologie kennen zu lernen, oder um Impulse von außerhalb der Psychologie zu erhalten und um Initiativen, Projekte oder Methoden und auf jeden Fall auch spannende Leute kennen zu lernen.

Wer stellt auf euren Kongressen den größten Anteil der Teilnehmenden?

Den Großteil der Teilnehmenden stellen Studierende der Psychologie, aber weitere Besucher sind auch Studierende anderer Fächer (wie Sozialwissenschaften, Umwelt- und Nachhaltigkeitsbezogene Studiengänge, Pädagogik, Geografie, VWL), Berufstätige mit Interesse am Thema Nachhaltigkeit und menschliches Verhalten und allgemein an Themen des Umweltschutzes interessierte Personen.

“Umweltpsychologie versucht herauszufinden, warum genau es zum Rebound-Effekt kommt und wie man ihn verhindern kann […]”

Wie sieht die Arbeit der IPU e.V. zwischen den Kongressen aus?

Da werden vor allem die nächsten Kongresse vorbereitet. Dazu gehört zum einen, dass Ideen für zukünftige Kongresse erdacht und Förderanträge geschrieben werden. Zum anderen gibt es immer ein Orga-Team, das den nächsten Kongress konkret vorbereitet. Das reicht von der Suche nach schönen Seminarhäusern über die thematische Ausgestaltung, Einladung von Referent*innen zur Suche nach Sponsoring, konkreten Zeitplanung usw.

Dann gibt es den Vorstand, der aus sieben Leuten besteht und der neben den Vereinsgeschäften an Ideen arbeiten kann, die mit der IPU – aber nicht notwendigerweise direkt mit Kongressen – zu tun haben. Das kann die Vertretung der IPU bei anderen Veranstaltungen sein, Pressekontakt, aber auch die Koordination von Ideen innerhalb der IPU und der Einbindung von Umweltpsychologie in andere Veranstaltungen. Es gibt zum Beispiel seit einiger Zeit die Idee, eine Umweltpsychologie-Vorlesung für eine virtuelle Vorlesungsreihe zu organisieren. Erklärtes Ziel der IPU ist ja auch, die Umweltpsychologie bekannter machen, daher wollen wir auch andere Netzwerke, Gruppen und Studierende informieren und arbeiten an einer Broschüre über Umweltpsychologie.

In einigen Städten (z.B. in Jena) sind auch Gruppen aktiv, die sich regelmäßig treffen, eigene Aktionen starten, Lesekreise machen und sich auf diese Weise mit Umweltpsychologie beschäftigen und sie anwenden. Es ist gerade auch ein Handbuch im Entstehen, das umweltpsychologisches Wissen für Praktiker*innen im Umweltschutz aufbereitet und so die bisher noch große Lücke zwischen Wissenschaft und Praxis mal zu füllen beginnt.

Prinzipiell bestehen in der IPU sehr offene Strukturen, die es allen ermöglichen, das einzubringen, was sie möchten. Das ist die Idee – ein Netzwerk zu haben, über das sich eine Dynamik entwickeln kann und in dem es sehr leicht ist, Menschen zu finden, um Ideen umzusetzen.

Könnt ihr selber umsetzen, was ihr versucht im großen gesellschaftlichen Rahmen zu erreichen?!

Gute Frage! Wenn es darum geht, sich mit der Frage nach einem verträglichen Lebensstil auseinanderzusetzen und einen guten Weg für sich zu finden, diesen umzusetzen, dann bietet sich in der IPU ein sehr gutes Umfeld, um das zu tun. Es ist sicher vielen in der IPU ein persönliches Anliegen ist, selbstbestimmt zu leben, zu entscheiden und auch entgegen dem Weg des geringsten Widerstandes sich ein gutes Leben zu ermöglichen. Ich denke, dass man mit umweltpsychologischem Wissen sensibilisiert wird für Situationen und Mechanismen, die manipulativ sind – angefangen von Werbung, die zum Beispiel vermittelt, dass Konsum zur Befriedigung aller Bedürfnisse beiträgt. Oder auch das Wahrnehmen von vorherrschenden Normen, die uns vermitteln, wie man sich zu verhalten hat, und was eher ‘komisch’ ankommt in der sozialen Umwelt. Das sind nur wenige Beispiele, wie Psychologie wirkmächtig wird. Das theoretisch zu kennen und vielleicht auch aktiv wahrzunehmen ist das eine – wow, hier wird mir gerade eingeredet, dass es sich total gut anfühlt shoppen zu gehen und endlich wieder ‘wer zu sein’ in neuen Klamotten. Das Wissen führt natürlich aber nicht direkt dazu, dass diese Mechanismen nicht mehr wirken. Die Chance, sich dieser Macht zu entziehen ist aber größer, wenn man sie kennt.

“Wir wollen ein bisschen die Welt verändern und dabei weiterhin Spaß haben.”

Inwieweit gibt es Synergien von euch mit den Lehrenden und Studierenden des Umweltpsychologiemasters in Magdeburg?

Es gibt da einige Überschneidungen. Die IPU gibt es ja schon lange (bereits über 20 Jahre) und seit es den Lehrstuhl für Umweltpsychologie und einen Masterstudiengang mit dem Schwerpunkt in Magdeburg gibt, gehen auch einige IPUs dorthin, um ihn zu studieren. Mit den Lehrenden hatten wir immer schon einigen Kontakt, da wir ja in der Regel auch immer einen Professor oder eine Professorin als Referent*in zu unseren Kongressen einladen. Da hatten wir mit Prof. Dr. Ellen Matthies auch vor ihrer Magdeburger Tätigkeit schon viel Kontakt. Die Synergien sind auf jeden Fall spürbar – wir profitieren von der geballten Expertise dort und haben eine gute Anlaufstelle. Auf der anderen Seite wird durch die IPU auch der Master Umweltpsychologie bei sehr vielen Interessierten bekannt, da zur IPU ja Psychologie-Studierende aus ganz Deutschland kommen, die so die Umweltpsychologie kennen lernen und dann darüber erst von dem Master erfahren.

Mit welchen anderen Partnern, Institutionen und Initiativen kooperiert ihr?

Es gibt Schwestervereine der IPU in der Schweiz und in Österreich. Mit der IPU Schweiz haben wir eine Art „Gästeabkommen“ – es können jeweils pro Kongress 1-2 Gäste des Schwestervereins gratis teilnehmen, um so für einen Austausch zu sorgen. In diesem Jahr wurde in Großbritannien ebenfalls ein IPU-Ableger gegründet die BrEPS (British Environmental Psychology Society). Junge Umweltpsycholog*innen von dort fanden die Idee der IPU so gut, dass sie mit Unterstützung aus der IPU einfach auch so einen Verein gegründet und auch schon einen ersten Kongress durchgeführt haben. Außerdem war die IPU 2014 Teil des Stream towards Degrowth und hat Kontakte zum Netzwerk n, einem Netzwerk, das studentische Nachhaltigkeitsinitiativen verbindet und stärkt.

Projekte finden auch oft in Zusammenhang mit Universitäten statt: An der FU Berlin gab es im letzten Jahr eine umweltpsychologische Vortragsreihe („Psych Up!“), die auch jetzt noch online zur Vergügung steht.

Schließlich ist der Initiative Psychologie im Umweltschutz auch wichtig, die praktische Arbeit von Umweltschützenden mit psychologischer Expertise zu unterstützen. Dazu erarbeiten seit einigen Monaten ein „Handbuch der angewandten Psychologie für Umweltschützer*innen“, das kurz vor der Fertigstellung steht und mit dem wir dann auf Praktiker*innen zugehen werden.

Es gibt eine ganze Menge Mitglieder bei euch und ihr geht zügig und bestimmt auf den 50. IPU-Kongress zu – habt ihr irgendwelche Zukunftspläne?

Wir wollen ein bisschen die Welt verändern und dabei weiterhin Spaß haben.

Unser Ziel bleibt es, auf die Potentiale der Umweltpsychologie zur Entwicklung zu einer nachhaltigeren Gesellschaft aufmerksam zu machen und diese auch vermehrt ein- und umzusetzen. In der Forschung ist Umweltpsychologie bereits recht stark. Wir wollen, dass auch die Anwendung in der Praxis wächst. Damit wir das schaffen, wollen wir weiter so eine aktive und engagierte Gemeinschaft bleiben und viele Leute für die Umweltpsychologie gewinnen.

Vielen Dank für das Gespräch und bis bald!

 

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