Werbung



Geldstreik in Utopia

Geldstreik in Utopia
Macht Leben ohne Geld glücklicher?| Foto: Maria Schinz

Der gebürtige Berliner Raphael Fellmer befindet sich seit nunmehr fast viereinhalb Jahren im “Geldstreik”. Was als Experiment auf einer Reise nach Mexiko anfing, hat sich für den 30jährigen Familienvater als tragbare Lebensphilosophie entwickelt – er möchte seinen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich halten und sieht in unserem Geldsystem die Wurzel vieler Probleme unserer Verschwendergesellschaft.

Im November letzten Jahres hat Raphael nun sein erstes Buch “Glücklich ohne Geld!” veröffentlicht – und natürlich verzichtet er auf jegliche Einnahmen. Wie er mir im Interview erzählt, möchte er mit dem Geld aus den Erlösen nichts zu tun haben, der Gewinn bleibt beim Redline Verlag und darf laut Vertrag ausschließlich für nachhaltige Projekte und Anschaffungen im Verlag ausgegeben werden. 30 Prozent der gedruckten Exemplare werden u.a. an Bibliotheken, Bildungseinrichtungen und Umsonstläden verschenkt oder an Menschen, mit der Bitte es nach dem Lesen weiter zu verschenken, um Ressourcen zu sparen und die Idee einer geldfreien, nachhaltigeren Welt größtmöglich zu verbreiten. Eine kostenlose E-Book-Version wurde bereits über 35.000 Mal runtergeladen.

Ich treffe mich mit Raphael und seiner zweijährigen Tochter Alma in einem kleinen süßen Zehlendorfer Café, wo man die beiden gut zu kennen scheint – geradezu fürsorglich wird sich um die Kleine gekümmert. Hier trifft sich Raphael oft mit Leuten wie mir, viele Medien stürzen sich auf ihn und die Geschichte vom Mann, der ohne Geld lebt.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich jemand anderen erwartet. Raphael ist äußerst höflich, völlig offen, hochgradig reflektiert, sehr selbstbewusst und – das ist die größte Überraschung für mich – überhaupt nicht dogmatisch in seinen Ansichten. Und je länger man ihn reden hört, um so weniger verrückt als vielmehr richtig erscheint seine Idee vom geldfreien Leben zu sein. Vielleicht führe ich das Interview deshalb über neunzig Minuten, ein Grund, es in zwei Teilen erscheinen zu lassen.

Interview mit Raphael Fellmer – Teil 1

Hallo Raphael, vielen Dank, dass Du uns Deine Lebenszeit schenkst. “Weniger ist mehr“ – ist das die Devise, die auf Dich zutrifft?

Ich glaube, dass, wenn man weniger hat – sei es weniger Besitz, weniger Probleme, weniger Bedenken oder Sorgen – man definitiv mehr vom Leben hat. Und das Schöne ist, genauso wie beispielsweise bei meiner veganen Ernährung, wo man denken könnte, dass ich letztendlich weniger auf dem Teller zu essen, weniger Auswahl habe, es aber im Grunde gerade andersrum ist. Das ich heute sehr viel mehr auf dem Tisch habe, weil mein Horizont sich erweitert hat. Und so ist das vielleicht auch mit meinem Leben im Geldstreik, wo ich – man könnte meinen – weniger habe, aber eigentlich mehr habe und vor allem auch nur die Dinge habe, die ich wirklich brauche. Und vielleicht auch einen größeren Zugang zu den Dingen habe, anstatt mehr zu besitzen, was wiederum Ballast bedeutet.

“Ich glaube, dass, wenn man weniger hat – sei es weniger Besitz, weniger Probleme, weniger Bedenken oder Sorgen – man definitiv mehr vom Leben hat.”

Wie kommt man auf die Idee sich dem Gesellschaftssystem total zu verweigern und in einen Geldstreik zu treten? “Streik“ ist ja immer eine Form von Protest. Wogegen protestierst Du mit Deinem Geldstreik und siehst Du Dich selbst als politischen Aktivisten?

Am Anfang war das ein Experiment, eine Reise geldfrei von Holland nach Mexiko. Auf der habe ich dann nach fünf Monaten entschieden auch nach der Reise weiterhin geldfrei zu leben. Das wurde dann bald relativ schnell, nachdem ich wieder in Deutschland war, zum Geldstreik, um dann die Message noch mal klarer herauszukristallisieren, weil viele Menschen, denen ich sage ich lebe ohne Geld, denken, dass da jemand ist, der Low Budget reist, weil er wenig Geld hat, aber im Prinzip eigentlich Geld haben will. Das ist bei mir aber anders. Und ein Hungerstreik sagt den meisten Menschen etwas, da geht es auch um eine Message, etwas, was man fordert. Und bei einem Geldstreik war mir ganz klar, dass die Menschen da eine Assoziation zu haben. Mir geht um einen Protest und zwar in dem Fall auf das Geld bezogen, aber auch auf die Überfluss- bzw. Verschwendergesellschaft in der wir leben, die auf Kosten der Natur, unserer Mitmenschen, zukünftiger Generationen und anderer Lebewesen hier auf dem Planeten ein sehr luxuriöses Leben führt. Wenn alle Menschen auf der Erde so leben würden wie wir in den Industrienationen, was nur theorethisch möglich ist, dann bräuchten wir drei oder vier Planeten.

Mir war wichtig klarzustellen: Das mache ich nicht aus Jux und Tollerei, sondern mir ging es eigentlich darum zu kommunizieren: Wir alle sind Teil des Systems – also ich auch. Und auch wenn ich mich jetzt seit viereinhalb Jahren in einem Geldstreik befinde, empfinde ich mich trotzdem als Kapitalist. Also, egal welche Firma du nennst, wir haben mit allen Firmen irgendwie zu tun. Es wäre ein bisschen blauäugig zu meinen, nur weil ich jetzt mein Geld nicht bei der Deutschen Bank anlege, habe ich nichts mit den Hedgefonds zu tun, in die die Deutsche Bank investiert. Denn selbst wenn ich in meinen Supermarkt gehe, hat der vielleicht ein Konto bei der Deutschen Bank und ich zahle quasi indirekt auch der Deutschen Bank was. Und wenn es nicht der Supermarkt ist, dann ist es die Rente, die Versicherung, mein Arbeitgeber oder was auch immer. Wo irgendwie jemand etwas mit Geld zu tun hat, steckt man im System, was leider ja nicht so wirklich gerecht aufgebaut ist und auch nicht nachhaltig. Da war es mir irgendwann ein Anliegen nicht nur Bewusstsein zu schaffen, sondern ganz klar zu sagen: Wir müssen hier etwas gegen das System unternehmen, von dem wir alle Teil sind, und das auch von innen heraus in der Evolution, also auch im Sinne einer Revolution, die mit einem selbst anfängt – eine friedliche natürlich. Eine gesellschaftliche Evolution voranzutreiben, auf dass wir in Harmonie alle zusammen, gemeinschaftlich leben und zwar nicht nur für die, die jetzt auf diesem Planeten leben, sondern auch mit allen Menschen, Tieren und Lebewesen, die den Planeten mit uns auch in der Zukunft teilen.

“Ich richte heute auch noch Schaden an, da ich ja weiterhin Teil dieses Wirtschaftsmodels bin.”

Also bist Du in einen Geldstreik getreten, um das eigene Konsumverhalten zu reglementieren und weniger Ressourcen zu verbrauchen?

Selbstverständlich war der ursprüngliche Impuls des geldfreien Lebens meinen ökologischen Fußabdruck so weit es geht nach unten zu fahren. Ich richte heute auch noch Schaden an, da ich ja weiterhin Teil dieses Wirtschaftsmodels bin. Mir war es wichtig zu gucken, wie kann ich den ökologischen Fußabdruck reduzieren, indem ich mich z.B. vegan ernähre, indem ich versuche auf vorhandene Ressourcen zurückzugreifen, sei es bei Geräten, sei es bei Kleidung usw. Sprich, nicht immer für neuen Umweltschaden zu sorgen, sondern dass, was schon mit Schaden produziert wurde, auszunutzen soweit es geht, zu reparieren, wieder zu nutzen, zu teilen, gemeinschaftlich eben intelligent zu nutzen, zu verbrauchen. Das war mir von Anfang an ein Anliegen und dann habe ich aber immer mehr festgestellt: Ich kann zwar meinen eigenen ökologischen Fußabdruck  immer weiter reduzieren, dadurch ändert sich aber im Großen und Ganzen nicht so viel, wie wenn ich den Menschen das nahbar mache. Zu fragen: Was können wir alle tun? Und eben nicht nur vor meiner eigenen Haustür zu fegen. Nicht zu sagen: Ich habe ja ein reines Gewissen, weil ich nur eine Tonne CO2 pro Jahr ausstoße, sondern: Ok, ich benutze Kommunikationsmodelle wie Facebook und die Medien, um mehr Menschen zu erreichen. Mittlerweile fahre ich auch mit dem Zug zu Vorträgen oder irgendwelchen Auftritten – Fernsehen und Radio – und ich habe nicht mehr nur die Prämisse meinen eigenen ökologischen Fußabdruck zu verringern, sondern vielmehr wie wir den unserer Gesellschaft als Ganzes verringern können.

“Mission, das sind so Begriffe die ich sehr selten benutze.”

Glücklich ohne Geld! - Erschienen im Redline Verlag München

Glücklich ohne Geld! – Erschienen im Redline Verlag München

Beispielsweise steckt natürlich in dem Buch, das ich gerade geschrieben habe, ein großer ökologischer Fußabdruck drin. Wenn ich nur meinen eigenen ökologischen Fußabdruck reduzieren will, kann ich mir das vom Blickwinkel der Nachhaltigkeit ja im Prinzip gar nicht leisten – denn die tausende Exemplare, die da gedruckt worden sind, haben selbstverständlich viele Tonnen C02 und Umweltverschmutzung verursacht. Aber wenn ich jetzt von der Idee her da ran gehe: Umso mehr Menschen das lesen, umso mehr senkt sich nicht mein eigener ökologischer Fußabdruck, aber der gesellschaftliche, bin ich eigentlich da, wo ich ankommen möchte. Nämlich nicht, dass ich als Einzelkämpfer eine saubere Weste trage, sondern das wir uns als Gesellschaft transformieren, zu etwas, dass für alle, die hier den Planeten teilen, eine lebensgerechte Art und Weise ist. Und deswegen bin ich davon weggekommen alleine darauf zu achten wie ich meinen eigenen ökologischen Fußabdruck minimieren kann, sondern vielmehr auf Möglichkeiten aufmerksam machen kann, wie jeder seine C02 Bilanz reduzieren kann und u.a. mit den Projekten, die ich angestiftet habe, dafür zu sorgen, dass wir alle was tun können. Letztlich hat das einen viel größeren Stellenwert. Wenn jeder seinen ökologischen Fußabdruck, der sich mit meinem Buch beschäftigt oder mit den Themen darin, um zehn, zwanzig Prozent senkt, hat die Gesellschaft am Ende eine viel größere Einsparung, als wenn ich meinen eigenen um neunundneunzig Prozent reduziere.

Du siehst Dich also in einer Aufklärungsmission?

Mission, das sind so Begriffe, die ich sehr selten benutze. Niemand von uns Menschen möchte wirklich Tieren oder Menschen Leid zufügen. Und trotzdem tun wir es tagtäglich, nicht weil wir wollen, sondern weil wir es uns nicht bewusst machen. Nehmen wir hier beispielsweise den Kaffee: Wir wollen ja nicht, dass Menschen darunter leiden, wenn wir Kaffee trinken, und trotzdem verbraucht ein Kilo Kaffee 22.000 Liter Wasser und zwar dort, wo er angebaut wird. Sprich, im schlimmsten Fall haben die Leute dort nicht genügend Wasser für ihre Subsistenzwirtschaft in den Kaffeeanbauregionen. Oder sie haben verseuchtes Grundwasser, Böden oder Flüsse. Und das Gleiche ist mit der Baumwolle, mit den Mangos und mit den Cashewnüssen. Bei allem was wir letztlich an Gütern importieren, allem was wir irgendwie an Ressourcen verbrauchen, die von woanders her kommen, haben wir ja keinen Überblick mehr, was das für einen Schaden in dem Ursprungsland anrichtet. Selbst wenn wir die besten Ökoeier aus unserer Region kaufen, wissen wir nicht, wie es den Hühnern wirklich ergeht. Das zeigt für mich, dass wir Menschen es oft nicht schaffen unsere Gedanken, Vorstellungen und Träume in die Realität umzusetzen. Sprich, in unseren Taten und Handlungen auch dem Folge zu leisten, was wir im Herzen tragen. Und da glaube ich, ist so eine Information sehr wichtig, um ganzheitlicher Bescheid zu wissen, um dann vielleicht auch zu sagen: Vielleicht kann ich jetzt weniger Kaffee trinken oder vielleicht kann ich mir, wenn ich mir unbedingt neue Kleidung kaufen möchte, weil es sie einfach nicht gebraucht gibt, gucken, was die ökologischste, aber auch ethischste Variante von Kleidung ist, die ich kaufen kann. Einfach ein Bewusstsein dafür zu bekommen: Es gibt nicht nur Fair-Trade-Kaffee und Fair-Trade-Zucker, sondern auch Geräte und Kleidung und vieles andere was wir benutzen.  Das alles ein Stück Schaden verursacht hat.  Du hast es Mission genannt – eigentlich ist es vielleicht meine Aufgabe, meine Gabe auch Information so zu verpacken, spannend und inspirierend, dass sich die Leute mit Themen wie grauer Energie, virtuellem Wasser und Klimawandel noch mehr beschäftigen und so mehr Verantwortung für die Realität in der wir leben annehmen können. Und ich kann das vielleicht mit einer Geschichte und mit dem was ich lebe ganz gut rüberbringen.

“Ich breche Nachhaltigkeit für mich in erster Linie auf einen ökologischen Fußabdruck, auf den CO2-Ausstoß den wir pro Individuum und pro Jahr verursachen, runter.”

Also präferierst Du einen stärkeren lokalen Bezug beim Konsum?

Grundsätzlich finde ich gut, dass wir mittlerweile weltweit so vernetzt sind, aber natürlich produziert das ebenso einen großen Schaden für die Umwelt, dieser internationale Handel, den wir in den letzten Jahrzehnten sehen, der noch viel schneller wächst als das weltweite Bruttosozial- oder Bruttoinlandsprodukt.

Ich kann ja erst wissen, wie es den Menschen und den Tieren geht, wenn ich das von einem Betrieb beziehe, der in meiner Nähe ist. Sobald ich irgendwas aus China oder anderswo bestelle, weiß ich nicht, wie die Arbeitsbedingungen dort waren. Und genauso kann ich nicht wissen wie es denn wirklich den Hühnern geht, wenn ich nicht mit eigenen Augen erfahren haben wie es ihnen geht. Ich glaube, dass Regionalität sehr gut ist und auch dazu führt, dass weniger verschwendet wird. Bei diesen ganzen Zwischenstationen, wie beispielsweise in der Lebensmittelindustrie, bei der die Waren durch sieben, acht Hände gehen, bis sie bei uns auf dem Tisch landen, fällt mehr an Verschwendung an – die liegt im Moment bei 50% allein bei der Nahrungsmittelproduktion weltweit – als wenn ich alles regional anbauen und saisonal konsumieren würde. Ich denke, für eine wirklich nachhaltige Welt, in der wir alle hier irgendwann einmal leben wollen, ist es ganz wichtig, dass wir wieder vermehrt zu den Wurzeln zurückgehen. Das stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl, welches  sich ja praktisch überall wo materieller Wohlstand entstanden ist, geschwächt hat. Früher war es normal, dass man sich unter Nachbarn die Sachen ausgeliehen hat. Heute brauchen wir dafür Plattformen [im Internet] die uns das wieder wie ein Hilfswerkzeug an die Hand geben und die Menschen zusammenführen. Und irgendwann braucht man dann diese Plattformen auch nicht mehr, sondern es wird wieder normal, dass man sich gegenseitig hilft. Genauso wie die Plattform lebensmittelretten.de oder foodsharing.de. Die wollen wir irgendwann auch wieder abschaffen, weil es keinen Nahrungsmittelverschwendung mehr gibt. Also das ist eigentlich eine ganz einfache Geschichte. Wir haben einfach verlernt gemeinschaftlich mit vorhanden Ressourcen umzugehen und uns gegenseitig zu unterstützen.

Wie würdest Du Nachhaltigkeit für Dich definieren?

Nachhaltig kommt ja aus der Forstwirtschaft – dass man quasi nicht so viel Bäume abholzt, wie es gibt, denn dann gibt es irgendwann keine Bäume mehr. Heute ist Nachhaltigkeit ein Begriff auf allen Ebenen, sei es bei Ressourcen, sei es bei der Artenvielfalt usw. Ich breche Nachhaltigkeit für mich in erster Linie auf einen ökologischen Fußabdruck, auf den CO2-Ausstoß den wir pro Individuum und pro Jahr verursachen, runter. Der liegt im Moment in Deutschland bei 11 Tonnen und er dürfte, wenn wir dass Zwei-Grad-Ziel nicht mehr überschreiten wollen, dann eigentlich nicht mehr als 2 bis 2,5 Tonnen CO2 pro Jahr pro Mensch liegen. Das bedeutet ganz konkret, dass wir unseren ökologischen Fußabdruck von 11 auf 2,5 Tonnen mindestens reduzieren müssen. Inwiefern man das dann verwirklicht kann individuell unterschiedlich sein: das kann bei Menschen, die viel fliegen, eine Reduktion ihrer jährlichen Flugreisen sein, wobei das Flugzeug als Klimakiller aber im Prinzip generell zu vermeiden ist. Andere Menschen haben vier Autos und sagen sie reduzieren vielleicht auf ein Auto oder es gibt andere Menschen, die essen vielleicht 100 Kilo Fleisch im Jahr und essen dann nur noch 10 Kilo Fleisch pro Jahr. Und umso mehr Ebenen man schafft seinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, umso besser. Da kann dann jeder schauen, wo sein persönliches Wohlfühl-Niveau ist. Denn es bringt ja nichts, wenn wir alle depressiv werden, nur um dann unseren 2 Tonnen Fußabdruck CO2 zu haben. Wir müssen auch die Message vermitteln, dass das auch etwas ist, was Lebensfreude bringt, nämlich mehr zu teilen, nachhaltiger zu leben, rücksichtsvoller mit den Ressourcen umzugehen. Nur so ist nachhaltiger Wandel auch wirklich möglich. Ich halte umweltbewusstes Verhalten nur dann für ganzheitlich sinnvoll, wenn es von innen aus einer freien Entscheidung heraus entsteht. Also wenn die Menschen aus einer intrinsischen Motivation mit Freude sagen: ich reduziere meinen Fleischkonsum. Nicht weil es jetzt mehr kostet, nicht weil es dafür eine Steuer gibt, nicht weil es jetzt in der Gesellschaft geächtet ist, nicht weil es soviel Skandale gab oder, oder… Ich reduziere meinen Fleischkonsum, weil ich mich da wohler fühle, weil ich kein Tier leiden sehen möchte, weil ich meinen ökologischen Fußabdruck senken möchte, und zwar aus einer inneren Überzeugung heraus, ohne dass das von außen indoktriniert wird. Und ich glaube, das ist etwas, dass eigentlich die Zukunft in allen Bereichen ist: Dass wir mehr von innen heraus handeln, als von außen gezwungen werden.

“Ich halte nachhaltigen Wandel nur dann für ganzheitlich sinnvoll, wenn er von innen kommt.”

Hältst Du das tatsächlich für umsetzbar? Glaubst Du, dass das ein Prozess ist, der schnell von statten gehen wird bzw. der überhaupt passieren wird, da es doch sehr viel Widerstände in den Köpfen der Menschen gibt?

Ich glaube nicht – in dem Fall kann ich sagen – ich weiß, das der Wandel schon lange eingesetzt hat. Gerade was den Fleischkonsum anbelangt kann man sehen: In den USA, aber auch in Deutschland ist der Fleischkonsum statistisch gesehen in den letzten Jahren im zweistelligen Prozentbereich zurückgegangen. Was sehr positiv ist. Natürlich ist er immer noch auf einem sehr hohen Niveau. Aber um das einmal in anschaulicheren Zahlen darzulegen: Als ich vor dreißig Jahren auf die Welt kam, gab es in Deutschland ein paar hunderttausend Vegetarier und Vegetarierinnen. Veganer und Veganerinnen wurden praktisch noch gar nicht gezählt. Das war gar kein Begriff. Heute ernähren sich Millionen Menschen – die Zahlen schwanken zwischen 3 und 7 Millionen – bei 83 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen in Deutschland vegetarisch. Sprich, wir haben allein bei der Ernährung schon einen unglaublichen Sprung gemacht. Also mehr als eine Verzehnfachung, vielleicht sogar Verzwanzigfachung von Menschen, die sich in den letzten Jahrzehnten freiwillig zu einer gesunden, aber auch ethischeren Ernährung entschieden haben und sich weg bewegt haben von ihrer kulturell geprägten Ernährung. Hier in Deutschland ißt ja keiner Fleisch der irgendwie von seinen Eltern – oder fast keiner – pflanzlich ernährt wurde, die dann irgendwann sagen: Ich fände es eigentlich mal cool Tiere zu töten und Leichen zu essen. Das macht ja keiner. Sondern wir trinken Babynahrung von anderen Spezies, weil die Großeltern das an unsere Eltern weitergegeben haben und so über Genrationen weitergereicht wurde. Eine Tradition, eine Kultur, die wir auch als unsere anerkannt haben und uns deswegen teilweise beleidigt fühlen, wenn jemand sagt, wir sollten weniger Tierisches essen, denn eigentlich passt das gar nicht zu unserem menschlichen Organismus Tiere zu essen oder deren Milch zu trinken. Deswegen sind wir da, glaube ich, gerade in einem ganz großen Umbruch. Man spricht ja auch von der „kritischen Maße“, die bei 10 bis 15 Prozent liegt. Und wenn wir uns im Genaueren anschauen, dass ja schon Millionen Menschen den Schritt zu einer mehr pflanzlich basierten Ernährung genommen haben, die das eben aus dieser inneren Motivation gemacht haben – den Wandel – weg von ihren Eltern, weg von dem was unsere Land uns so mitgegeben hat als Tradition, was man so ißt und trinkt und zu sagen: ich mache das jetzt anders. Dann können wir da eine Schlussfolgerung auf alle anderen Gebiete vornehmen, dass eben früher auch Standard war, dass man eine eigene Karre hat und heute ist es mittlerweile, gerade bei den Jüngeren, schon gar nicht mehr cool ein eigenes Auto zu haben, sondern dass es eher cool wird kein Auto zu haben. Weniger ist mehr. Und wenn wir einmal ein Auto brauchen, dann können wir es uns leihen. Und da wir auch die Technik haben, die uns das heute ermöglicht, müssen wir uns gar nicht mit dem Ballast „Eigentum“ beschweren, sondern wir greifen darauf zu, wenn wir es benötigen. Und so sehe ich das eben in vielen Bereichen. Ich  glaube das wir irgendwann den Wandel schaffen werden in unserer Gesellschaft hinzu sehr geringem Fleischkonsum. Und ich bin fest davon überzeugt, dass der Wandel erst recht einen ganz großen Umschwung mit sich bringen wird, wenn er dann die kritische Maße erreicht hat. Die meisten Leute schätzen schon heute, die Menschen, die sich vegetarisch ernähren, schon mehr als noch vor 30 Jahren. Es ist nicht mehr so, dass man schräg angeguckt wird und gesagt wird: Was hast du für ein Problem? DIE WELT hat letztens getitelt, das Fleisch zum Lebensmittel der Unterschicht wird, da gerade die besser Gebildeten sich damit auseinandersetzen, was Ihr Fleischkomsum für Körper, Geist, Seele und die Umwelt bedeutet. Und das sich immer mehr Menschen mit dem Thema beschäftigen. Und das es heute nicht mehr geächtet ist sich anders zu ernähren als die anderen. Über 50 Prozent der Deutschen wollen ihren Fleischkonsum reduzieren bzw. haben es schon getan. Irgendwann wird jetzt der Punkt kommen, wo die Menschen anfangen sich unwohl zu fühlen, wenn sie die einzigen sind, die noch ein fettes Steak auf dem Tisch haben. Und die anderen vielleicht ein kleineres haben oder gar keins mehr und dass das so verändert, dass die Menschen nicht nur primär aus einer intrinsischen Motivation heraus ihre Ernährung umstellen, sondern eben von außen motiviert werden ihre eigene Kultur oder Prägung zu überdenken und so Kraft schöpfen sich von gelernten Verhaltensmuster zu lösen.

“Ich habe keine Zauberformel, aber ich glaube es ist zu spät auf eine Zauberformel zu warten.”

Der Postwachstumsökonom Niko Paech beispielsweise verweist auf „Peak Everything“, d.h. dass wir in naher Zukunft in allen Bereichen Rohstoffknappheiten erleben werden. Glaubst du, dass es reicht, wenn man hier in Deutschland damit anfängt bewusster auf einen Wandel hin zu leben – wir denken nur an die asiatischen Länder wie China und Indien, wo jetzt erst eine Wachstumsgesellschaft einsetzt?

Ich bin ein großer Fan von Niko Paech und bin dankbar, dass er als Professor dieses wichtigen Themen nicht nur im Fernsehen, bei Vorträgen und in seinen Büchern veranschaulicht, sondern selbst lebt! Ich stimme ihm zu und glaube auch, dass viele Peaks schon da waren, dass wir sie vielleicht nur nicht richtig wahrnehmen oder wahrhaben wollen. Es gibt ja den schönen Spruch: Selbst wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergehen würde, würde ich noch einen Baum pflanzen. Ich weiß nicht, was morgen passieren wird, aber ich werde trotzdem alles, was in meiner Macht steht versuchen, um die Welt und die Menschheit und alle Spezies, alles was wir hier auch Schönes geschaffen habe und was die Natur uns jeden Tag schenkt mit Respekt und Liebe zu behandeln. Und da sagt ja auch Ghandi ganz schön: Be the change you want to see in the world. Wir können ja nicht sagen: mein Nachbar hat einen großen Mercedes oder wenn ich ein Auto abschaffe, kauft jetzt in Indien jemand ein neues Auto. Dann entsteht ja kein Wandel. Sondern wir können ja nur aus uns heraus selbst der Wandel sein, den wir in der Welt sehen wollen. Die Peaks werden offensichtlicher werden, irgendwann wird das Erdöl sehr viel teurer werden und auch die Internationalisierung der Landwirtschaft ist nicht grenzenlos machbar sowie eigentlich bei allem, was wir konsumieren. Ich habe keine Zauberformel, aber ich glaube es ist zu spät auf eine Zauberformel zu warten. Wir können nur bei uns selbst ansetzen. Du kannst es Hoffen nennen, du kannst es Glauben nennen, Vertrauen oder Probieren, aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ein tiefgreifender Wandel auf der Welt längst begonnen hat, auch wenn sich bei vielen bis auf einen Bewusstseinswandel in der Praxis noch nicht viel geändert hat. Wir sind hier in Europa der Teil der Welt der für rund 50 Prozent aller historischen und weltweiten Treibhausgasemissionen plus den Umweltschäden, die zusätzlich hier und anderswo von uns angerichtet wurden, verantwortlich ist. Wir können uns nicht anmaßen zu sagen: Ach nein, China muss jetzt irgendwie schauen das es seinen CO2-Ausstoß reduziert, auch wenn es derzeit das Land mit dem derzeit größten CO2-Aussstoß ist. Das bringt ja gar nichts. Wir können einfach nur schauen: ich bin ein Individuum, ich habe meine 11 Tonnen CO2 und verbrauche so und soviel Ressourcen.  Brauche ich das wirklich alles oder geht das auch anderes? Gerade in Anbetracht dessen, dass es vielleicht schon sehr spät für ein Umdenken ist. Aber zu spät kann es gar nicht sein, denn obwohl wir schon viel Leid und Umweltverschmutzung verursacht haben, können wir uns heute verändern und damit auch die Zukunft der Menschheit. Ich glaube sehr daran, dass wir hier weiter existieren werden als Gesellschaft, aber selbst wenn nicht gibt es keinen Grund zu sagen: nein, jetzt kaufe ich mir erst recht einen Ferrari, weil es bringt ja eh alles nichts mehr und CO2, ob das stimmt oder nicht, wir werden eh untergehen als Menschheit. Ich glaube, wenn man so eingestellt ist, dann hat man auch nicht mehr wirklich viel Freude am Leben. Ich finde ein bisschen Wertschätzung gegenüber dem, was uns die Erde – ich empfinde mich hier als Gast – gibt, sollten wir schon haben. Mindestens sollten wir sie so sauber zurücklassen, wie wir sie vorgefunden haben. Und ich spüre, dass es jeden Tag mehr Menschen werden, die nicht nur im Bewusstsein anfangen sich zu ändern, sondern auch in ihren Handlungen versuchen das zu leben. Auf allen Ebenen, die die Menschen eben haben: im Privaten und im Geschäftlichen. Und das da eben ein großer Umbruch stattfindet. Und gerade wir, die einen besonders hohen ökologischen Fußabdruck haben, sind dazu bestimmt als Avantgarde der Perversität oder als Schmarotzer-Gesellschaft, die wir sind, indem wir uns auf allen verschieden Ebenen der Gesellschaft und des Planeten maßlos bedienen, dass wir natürlich dadurch auch so ein bisschen das Privileg haben diese Absurdität als erste zu sehen, weil wir einfach ganz weit nach vorne gestürmt sind in unserem Materialismus, in unserem mehr, mehr und schneller und größer. Das wir die Ersten sind die sehen, wir haben uns hier total verrannt und dementsprechend auch schneller zurückrudern können. Und das die anderen so wie wir auch Herdentiere sind: vielleicht rennen wir alle gemeinsam in eine andere Richtung, nicht weil da irgendwelche Leithammel vorweg laufen, sondern weil wir spüren, dass sich was ändern muss. Wie mit der Ernährung, obwohl eine Merkel uns nicht sagt wir sollten uns vegan oder vegetarisch ernähren, tun wir es immer mehr, nicht weil uns das irgendjemand vorschreibt, sondern weil uns das unser Herz sagt. Und wenn wir so ganzheitlicher nicht mehr nur auf unseren Geldbeutel schauen, ist es eine Entscheidung, die nur von innen heraus kommen kann und da müssen wir uns auch frei machen von Regierung, von Gesetzen, von staatlichen Initiativen, die alle schön und gut sind, aber die letztendlich nicht die Welt retten können, sondern das können nur wir alle als Menschen.

Im zweiten Teil werden wir von Raphaels Buch “Glücklich ohne Geld!” und seinem neustem Projekt “Eotopia” erfahren – der Utopie einer geldfreien und autarken Gemeinschaft irgendwo in Europa – Ihr denkt das geht nicht? Dann mehr erfahren und fleißig den zweiten Teil lesen – am Besten unseren Newsletter abonnieren.

 

Raphael Fellmer im Netz:

http://www.raphaelfellmer.de

http://de.forwardtherevolution.net/

http://www.lebensmittelretten.de/

Alex Fuchs
ADMINISTRATOR
PROFIL

Werbung

Beitragskarussell

Kommentar hinterlassen

You must be logged in to post a comment.

Empfohlene Videos

Neuste Beiträge