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Geldstreik in Utopia – Teil 2

Geldstreik in Utopia – Teil 2
Weiterverschenken statt Neukaufen: Glücklich ohne Geld| Foto: Alex Fuchs

Raphael Fellmer lebt seit einer Mexikoreise 2010 geldfrei. Über die Reise und sein geldfreies Leben hat er Ende 2013 beim Redline Verlag ein Buch veröffentlicht: Glücklich ohne Geld! Neben seiner Tätigkeit als Buchautor ist Raphael aber vor allem eins: Aktivist und Vordenker. Sein neustes Projekt heißt Eotopia – ein Experiment, wie er es nennt – die Idee ein Dorf in Südeuropa zu gründen, indem innerhalb der Dorfgemeinschaft ein geldfreies und ökologisch nachhaltiges Leben praktiziert werden soll. Bis jetzt haben sich über 600 Menschen gefunden, die mit ihm das Experiment starten wollen. Wie das genau funktionieren soll und warum es neben der kostenfreien Downloadversion seines Buches auch eine Kaufversion gibt, kann man hier nun im langersehnten zweiten Teil seines Interviews lesen. Raphael ist vor Kurzem auch zum zweiten Mal Vater geworden – ich möchte ihm und seiner kleinen Familie an dieser Stelle alles Gute wünschen!

Interview mit Raphael Fellmer – Teil 2

Quelle: www.raphaelfellmer.de

Raphael Fellmer mit Frau und Kindern | Quelle: www.raphaelfellmer.de

Dein Buch „Glücklich ohne Geld!“ ist im November 2013 veröffentlicht worden und kann als eBook-Version kostenfrei im Internet heruntergeladen werden. Am Ende des Buchs rufst Du gar dazu auf, es weiter zu verschenken und nicht zu kaufen. War es schwierig für Dich einen Verlag zu finden?

Komischerweise haben die Verlage mich gesucht. Es war also nicht schwierig einen Verlag zu finden.

Warum sollen die Menschen Dein Buch kaufen, wenn Sie es auch weitergeschenkt bekommen können bzw. es kostenfrei herunterladen können?

Erst einmal war es für den Verlag etwas Neues. Die hatten bisher noch keinen Autor der sagt: „Ich verzichte auf jegliche Gage und schreibe es ehrenamtlich und unentgeltlich und der Gewinn kann bei euch bleiben.“ Das habe ich von Anfang an auch so gesagt: Wenn es ein Gewinn gibt, den es jetzt auch in der zweiten Auflage gibt, bleibt das Geld im Verlag und wird dort für nachhaltige ökologische Projekte investiert, wie z.B. regionales, veganes Bioessen, welches kostenlos für die Mitarbeitenden gecatert wird oder für Biodruckertinte. Mein Anliegen war es, dass Informationen weitergetragen werden. Und es war am Ende ja auch eine Teamarbeit – also ich habe das Buch geschrieben und der Verlag hat das redaktionell betreut, Pressearbeit und den Umbruch gemacht sowie Änderungen vorgeschlagen. Das heisst, der Verlag hat etwas dazu beigetragen, ich habe etwas dazu beigetragen und so war das ein Zusammenspiel.

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich möchte, dass das Buch kostenfrei lesbar ist, es wurde mittlerweile auch schon über 50.000 Mal heruntergeladen. Trotzdem sollte aber auch der Zugang für alle Menschen, die es kaufen wollen, nicht verwehrt bleiben. Ich wollte nicht, dass das Buch nur in den alternativen Orten wie Umsonstläden oder besetzen Häusern kostenlos zum mitnehmen ausliegt, sondern mein Anliegen war es, dass auch BürgerInnen, die vielleicht mit ganz anderen Themen beschäftigt sind, so ein Buch vielleicht mal in die Hände bekommen. Genauso wie ich auch die Fernsehauftritte mache, weil ich glaube, dadurch auch Menschen zu erreichen, die sich mit diesen ganzen Themen noch nicht beschäftigt haben. Die Absprache mit dem Verlag ist, dass 30% jeder Auflage verschenkt werden – deshalb wurden bis jetzt auch schon tausende verschenkt an eben Umsonstläden, Büchereien, Schulen, Universitäten und auch Privatleute. Ich will, dass die Ressourcen, die da verbraucht worden sind – sei es die Energie oder das recycelte Papier und was ich und der Verlag da auch an Zeit reingesteckt haben – halt mehr wertgeschätzt werden. Dass es auch einen größeren Sinn macht, dass die Bücher nicht im Bücherregal verstauben, sondern dass so vielleicht auch eine Kultur des Teilens entsteht, so dass alles was produziert wurde auch einen Sinn hat. Ein Fahrrad was unten im Keller rumsteht wird im Zweifel nur schlechter. Und so sollte man alle Güter – das sind ja wie gesagt, Geschenke der Natur und in dem Fall auch noch Menschen, die da mitgewirkt haben – auf den Weg bringen. Hauptsache sie bleiben im Fluss.

“[…] das System, was wir aktuell haben ist nicht tragbar, ist nicht nachhaltig und funktioniert nicht.”

Glaubst du, dass wenn alle nach der Prämisse arbeiten würden „ich verdiene nichts an meiner Arbeit“ ein System entstehen würde, dass sich selbst trägt bzw. wie sieht für Dich eine solche Utopie – ein Leben ohne Geld – aus?

Das ist eine meiner Lieblingsfragen. Du hast von einem tragbaren System oder von einem funktionierenden System gesprochen. Erst einmal müssen wir die Realität betrachten und das System, was wir aktuell haben ist nicht tragbar, ist nicht nachhaltig und funktioniert nicht. Es funktioniert für uns, die wir der privilegierte Teil von ein bis eineinhalb Milliarden Menschen sind, die auf Kosten der anderen hier auf dem Planeten leben. Und wenn wir jetzt darüber träumen oder nachdenken, wie könnten wir uns denn anderes verhalten damit es tragbar funktionieren und nachhaltig wird, ist es für mich eine sehr plausible Möglichkeit zu sagen: wir setzen uns nur noch dort mit unserer Energie, unserer Zeit und unserer Arbeitskraft ein – wenn man dann noch das Wort „Arbeit“ benutzen möchte – was an sich auch schon ein sehr abgewerteter Begriff ist und ursprünglich ja auch von Knechtschaft kommt, ich nenne es lieber Engagement, Initiative oder so – wo wir es für sinnvoll erachten. Dann würden wir letztendlich vielleicht auch die Welt schaffen, die wir uns alle vorstellen.

Es sollte nicht mehr Menschen geben, die zu irgendeiner Firma gehen, weil sie spüren sie müssen irgendwie Geld verdienen oder die da so drin sind, aber eigentlich gar nicht dahinter stehen, was die Firma macht oder produziert. Es sollte vielmehr Menschen geben, die wirklich nichts mehr machen müssen, was sie nicht wollen, sondern sich nur noch frei entfalten können. Dann würden natürlich auch ganz viele Aufgabenbereiche in der Gesellschaft wegbrechen. Zum Beispiel diese ganzen künstlich geschaffenen Arbeiten wie SteuerberaterInnen – wir brauchen keine SteuerberaterInnen, wenn wir kein Geldsystem mehr haben – wir brauchen auch keine SteuerüberprüferInnen mehr, keine BänkerInnen oder HedgefondmanagerInnen und was es alles noch für Aufgaben gibt, wo die Leute seelisch total ausgezehrt werden und der Mehrwehrt für die Gesellschaft gleich null ist bzw. sogar negativ. So würden wir den Planeten auch nicht weiter ausnutzen, sondern ihn achten und wertschätzen . Letztendlich ist Geldmachen sehr oft mit der Ausnutzung von vorhandenen Ressourcen verbunden – seien es Menschen, Tiere und eben auch Ressourcen – und dann hätten wir automatisch eine ganz große Umstrukturierung.

“Es sollte vielmehr Menschen geben, die wirklich nichts mehr machen müssen, was sie nicht wollen, sondern sich nur noch frei entfalten können.”

Gerne erläutere ich eine Welt ohne Geld an einem Beispiel welches viele Menschen fragen aufwirft bzw. unmöglich erscheint: Wer will denn dann die öffentlichen Klos putzen? Natürlich brauchen wir öffentliche Klos und es ist auch schön, dass wir sie haben, aber wie gehen wir heute mit öffentlichen Klos und den Menschen dei sie sauber halten um? Oder sei es mit den Klos in der Schule oder in der Universität. Wenn wir uns alle dafür zuständig fühlen würden, wenn wir nicht sagen: da gibt es irgendeine Putzkraft, die macht das weg. Wenn wir alle sagen: Nein, hier gibt es keinen außer uns, wir sind “Alle”, dass ist unser Klo, wir kümmern uns alle um unseren eigenen Dreck. Wie es in der WG auch irgendwie möglich ist sich zu einigen: wir behandeln das Klo, als ob es unser eigenes ist, als wenn ich das nur alleine benutzen würde, aber wir nutzen das trotzdem in einer Gemeinschaft. Ich sehe da eine sehr große Chance für die Menschheit sich dann mehr aufeinander einzulassen. Und so würden sich halt alle Bereiche der Gesellschaft verändern, viele würden sich einfach auflösen, wo wir dann vielleicht anfangen müssten wieder mehr selbst zu machen. Viele hausgemachte Zivilisationskranke würde es auch nicht mehr geben, weil es keine Industrie geben würde, die sagt: wir machen da einfach viel Zucker rein, dann verkauft es sich besser. Das würde es dann auch nicht mehr geben. Sprich, wir hätten nicht alle Probleme gelöst, aber ein Großteil der Probleme, die wir uns bis heute selbst auf der Erde geschaffen haben, würden wir auflösen bzw. ein großes Stück Richtung Lösung bringen, weil wir uns ehrlicher miteinander verhalten würden.

Heute gibt es das Geldsystem, das korrumpiert uns. Es lässt uns etwas tun, dass wir eigentlich oft gar nicht vom Herzen her wollen. Und deswegen sehe ich es als machbare Utopie, als große Vision oder als Traum der Menschheit an, dass wir uns in Zukunft alle in Freiheit entfalten können und ohne Ängste und in den Bereichen, in denen wir Sinn sehen für das Wohl aller engagieren. Und ich glaube fest, dass jeder Mensch hier auf der Erde ein sinnvoller Teil ist. Man kann nicht sagen: Was du kannst, dass braucht die Menschheit nicht. Wir sollten den Menschen auch Glauben und Raum schenken sich entfalten zu können.

“Heute gibt es das Geldsystem, das korrumpiert uns. Es lässt uns etwas tun, dass wir eigentlich oft gar nicht vom Herzen her wollen.”

Du proklamierst also mehr Wertschätzung den Dingen und Menschen gegenüber ohne ein Geldsystem. Wenn die Menschen in Zukunft nur noch die Dingen machen würden, die sie für sinnvoll erachten und von innen heraus fühlten, hätten sie ja in deiner Utopie auch mehr Zeit. Du lebst seit 2010 ohne Geld, du hast jetzt schon mehr Zeit. Was machst Du mit deiner neu gewonnen Zeit?

Also erst einmal ist wichtig festzustellen, wir haben alle die gleiche Zeit. Wir sind aber dazu verpflichtet in unserem Alltag bestimmte Dinge zu tun. Eben wie in unserer Gesellschaft Geld zu verdienen. Und deshalb haben wir dann manchmal auch gar nicht die Muse oder das Vertrauen in uns hineinzulauschen und auch mal nichts zu tun. Mal zu gucken was ich wirklich machen will. Vielleicht will ich mal reisen, vielleicht will ich Workshops machen, vielleicht will ich noch mal studieren oder was genau, weiß ich gar nicht. Es ist auch Mut zur Lücke, Mut zur Ruhe, Mut mal nicht die ganze Zeit aktiv zu sein. Mein Geldstreik, das geldfreie Leben, hat auch mit einer Reise angefangen, wo ich zunächst fast ausschließlich nur genommen habe, denn ich wurde – egal wo ich war – in der Welt mit Essen, Schlafplätzen und Mitfahrten beschenkt.

Es gibt nicht nur in Deutschland 50% Lebensmittelverschwendung, sondern auch in Europa und weltweit. Darauf wollten wir Bewusstsein lenken und haben bei Bäckereien und Supermärkten nachgefragt um diese für die Tonne bestimmten Lebensmittel vor der Vernichtung zu bewahren. Aber auch die Leute die uns einen Schlafplatz angeboten haben, die uns im Auto oder Schiff mitgenommen haben, haben einfach den Platz geteilt den sie hatten. Wir wurden die ganze Zeit beschenkt. Und das habe ich 16 Monate lang gemacht und danach war ich ein bisschen überwältigt von dieser bedingungslosen Liebe, die uns die Menschen zuteil werden lassen haben. Und irgendwie habe ich gespürt, dass obwohl ich hier und da einen Vortrag gehalten oder einen Blog geschrieben habe – und wir den Menschen von unserer “Reise der Menschheit” erzählt haben – aber irgendwie war ich in der Position: jetzt habe ich soviel nehmen dürfen und bekommen, was kann ich denn beitragen? Ich habe ja containert und irgendwann kam ich auf den Gedanken: ich kann zwar meinen eigenen ökologischen Fußabdruck sehr stark reduzieren, aber was kann ich eigentlich machen um die Ökobilanz unser Gesellschaft zu minimieren? Ich habe angefangen Lebensmittel, die nicht mehr verkäuflich sind, aber noch genießbar, von Betrieben legal in Absprache vor der Tonne zu bewahren, was eine Win-Win-Situation für den Laden war: Weniger Entsorgungskosten, besseres Gewissen, auch für die Mitarbeitenden, schöneres Gefühl, Lebensmittel nicht wegschmeißen zu müssen. Für die Umwelt eine Win-Win-Situation, nämlich dass die Ressourcen, die wir schon benutzt haben, also Transport und Herstellung der Lebensmittel – das diese genutzt werden und natürlich auch der höher gestellte ethische oder ideelle Wert für die Menschen, die dann am Ende die Lebensmittel noch essen konnten. Also sprich, das war das Beste, was irgendwie passieren konnte. Außerdem ist es dann sogar noch Werbung für den Betrieb, weil er sich ethischer verhält als andere. Angefangen hat alles im April 2012 hier in Berlin mit der Bio Company, der ersten Kooperation überhaupt. Mittlerweile retten  8000 LebensmittelreterInnen regelmäßig bei über 1100 Betrieben. Über eine Million Kilo Lebensmittel haben all die ehrenamtlichen Foodsaver dabei bereits vor dem Wurf in die Tonne bewahrt. Anfangs war diese Entwicklung ein Traum, eine Utopie – wie damals die Reise auch ein Traum war – aber durch viel Willenskraft und Einsatz von vielen Menschen ging der Traum in Erfüllung und wurde Realität. Dank Raphael Wintrich, einem begnadeten und gleichzeitig sehr menschlichen Programmierer, ist in über 1400 Stunden Programmierarbeit die Freiwilligen Plattform von foodsharing www.lebensmittelretten.de entstanden, über die das Ganze koordiniert wird. Ich selber habe auch ein paar tausend Stunden in das Projekt gesteckt, sei es in die Bekanntmachung des Projekts, Social Media, in die Organisation, die Entwicklung, Koordination und allem anderen, was man da machen muss um so ein Mammutprojekt Wirklichkeit werden zu lassen. Wir haben Firmen wie Webhostinganbieter, die uns kostenlos ihre Server mit grünem Strom bereitstellen, wir haben Druckereien, die unsere Flyer kostenlos drucken, wir haben Leute, die schenken uns Büromaterialien für die Ausweise und alles was sonst so gebraucht wird, wir bekommen kostenlose Hilfe von Rechtsanwälten und anderen Dienstleistern sowie kostenfreie Räumlichkeiten für Veranstaltungen. Und das ist erst der Anfang, denn das Projekt zeigt, dass sich noch viel mehr geldfrei umsetzen lässt um ganzheitlich etwas zu bewegen. In Zusammenarbeit mit ganz vielen anderen wunderbaren Menschen, haben wir ein Werkzeug gegen die Verschwendung geschaffen, welches wir Anfang 2015 der Welt schenken werden, indem wir das ganze Know How und alles was da reingesteckt wurde mit den Menschen auf der Welt teilen werden. Das schöne am Lebensmittelretten ist, dass es nicht nur einem selbst hilft und gut tut, sondern auch den Menschen die hungern, aber auch die Verschwendung von Lebensmittel wird reduziert und damit natürlich auch die Umweltbelastung. Getreu dem Motto: Denke global und handele lokal.

“Wir haben alle die gleiche Zeit, aber ich setze meine Zeit jetzt sinnvoller ein.”

Zurückkommend auf die Frage, ob du jetzt mehr Zeit hast. Du nutzt jetzt also deine Zeit, die du zur Verfügung hast optimal, um nur die Dinge zu tun, auf die du Lust hast?

Nochmal: Wir haben alle die gleiche Zeit, aber ich setze meine Zeit jetzt sinnvoller ein. Ich setze sie für das Sinnvollste, was mir im Moment für die Menschheit möglich ist, ein und damit auch für mich selbst, da ich Teil der Menschheit bin. Jeder hat einen anderen Bereich, wo und was er oder sie tun kann. Das muss jetzt auch kein großes Projekt sein, sondern auch ganz praktische und direkte Hilfe wie Gitarre, Deutsch oder Lesen beibringen. Oder den Wald sauberer machen, Nachbarschaftshilfen initiieren oder urbane Gärten anlegen sowie die Leute dazu zu animieren öffentliche Parks mit fruchtbaren Dingen zu begrünen oder essbare Gemüse anzupflanzen. Ich würde mir wünschen, dass wir die Zeit, die wir zur Verfügung haben, ein bisschen mehr hinterfragen und sie mit schönen Aktivitäten für die wir Feuer und Flamme sind füllen. Was ich damit meine, das es gut tut sich bewusst zu werden, wie gut es uns in Europa geht und sich gleichzeitig zu fragen, was kann ich denn eigentlich der Gesellschaft schenken? Und nicht immer nur zu nehmen. Sei es jetzt, die Unterstützung vom Staat, Geld welches geerbt wurde oder schon genügend auf die hohe Kante gelegt hat. Zum Glück gibt es ja in Deutschland eine soziale finanzielle Grundsicherung, in vielen Ländern der Welt existiert so etwas gar nicht. Wenn wir dann Wohnung und Versicherung durch 10-20 Stunden Erwerbsarbeit bezahlen können oder bezahlt bekommen, können wir uns fragen, wo möchte ich mich jetzt engagieren? Natürlich kann ich mich zu Hause hinsetzen und Fernsehen schauen, was Leute heute leider schon duzende Millionen Menschen in Deutschland zwischen vier und acht Stunden pro Tag in ihrer freien Zeit machen. Aber vielleicht fühlen sich viele Leute davon auch gar nicht wirklich so beglückt, erfüllt mit dem was sie machen. Und ich glaube es ist wichtig diese Freiheit zu haben, auch erst einmal zu lernen nur zu nehmen, wie ich anfangs auch mehr genommen als gegeben habe, ich bin aber überzeugt davon, dass irgendwann der Punkt kommt: ja, jetzt weiß ich, wo mein Bereich ist, wo meine Aufgabe, meine Berufung liegt, um in dieser Gesellschaft den Wandel hin zu einer friedlichen, ganzheitlichen, nachhaltigen Welt zu leben, jetzt handele ich und gebe zurück.

“Im Moment gibt es fast 1 Milliarde Menschen, die hungern und gleichzeitig schmeißen wir die Hälfte der Lebensmittel weg bzw. könnten allein mit unserem Überfluss in Europa alle hungernden Menschen auf der Welt satt bekommen.”

Glaubst du, dass, wenn man deine Idee auf unser derzeitiges System für alle Menschen übertragen würde, es funktionieren könnte, denn alle Unternehmen sind heute darauf aus in irgendeiner Weise Geld zu produzieren?

Es würde nicht funktionieren, so wie heute unser System eben nicht funktioniert. Im Moment gibt es fast 1 Milliarde Menschen, die hungern und wir schmeißen die Hälfte der Lebensmittel weg bzw. könnten mit unserem Überfluss in Europa alle hungernden Menschen auf der Welt satt bekommen bzw. allein mit den Nahrungsmitteln was wir den Tieren geben, könnten wir Milliarden Menschen ernähren. Das heißt unser System aktuell funktioniert nicht. Ich habe gerade hauptsächlich davon gesprochen, dass heute schon Millionen Menschen die Freiheit und das Glück haben sich entfalten zu können, ob nun durch Transferleistungen vom Staat, den Eltern oder gespartem. Ich bin da in einer Sonderfunktion, weil ich nehme ja nicht viel vom Staat, sondern von der Gesellschaft. Wir als Familie bekommen das Kindergeld, welches meine Frau auf ihr Ökokonto bekommt und dort die Krankenversicherung abbucht. Das war die für uns beste Lösung, als die vom Amt zu mir sagte; du kannst keine Versicherung bekommen, wenn du nicht Arbeit suchst. Da habe ich gesagt: ich suche nicht nach Arbeit ich kann mich selbst beschäftigen, ich möchte kein Geld. Ehrenamtliche Engagement zählt nicht als “Arbeit” und deswegen ging es sich damals nicht aus. Aber ich bin ein Extrembeispiel. Mir ist nicht daran gelegen, dass die Leute das nachahmen, sondern das man sich mehr frei macht vom Geld, frei macht vom Mammon, von dem Druck, so viel zu brauchen, einfach guckt: ja, eigentlich komme ich mit weniger Geld mehr klar. Das dröselt sich letztendlich in vielen Bereichen auf: Es gibt Umsonstläden, Second-Hand-Läden oder Kleidertauschparties und es gibt Nachbarschaftskreise in denen man sich hilft. Ich muss nicht immer für alles Geld benutzen. Also sieht man einen neuen Weg und vielleicht helfen wir dabei auch als Extrembeispiel, um den Menschen die verschiedenen Ebenen die gangbar sind aufzuzeigen. Letztlich geht es darum herauszufinden, was wir heute schon tun können. Wir sind als Gesellschaft in der Transformation. Wir brauchen jetzt nicht unbedingt Menschen, die so leben wie ich, sondern es braucht viel mehr Menschen, die wirklich ganzheitlich alles überdenken, auch kritisch hinterfragen und schauen, was kann ich eigentlich in meinem Leben konkret vor Ort ändern, um meinen ökologischen Fußabdruck und damit das Wohlbefinden der Erde und der Menschen auf dem ganzen Planeten zu verbessern. Und das jedes Mal, bei allem was ich tue. Wenn ich weniger Geld benutze werden in den meisten Fällen weniger Ressourcen verbraucht. Und das ist das, was wir alle auf kurz oder lang tun müssen, und am besten eben aus einer freiwilligen Intention heraus und nicht weil wir kein Geld mehr haben oder sich die Erdölvorräte erschöpft haben. Dann ist es vielleicht wirklich einen Tick zu spät. Sondern wir sollten heute, obwohl an der Tankstelle Wasser teurer als Benzin ist , darüber nachdenken, das Benzin als etwas ganz Wertvolles bewusst wahrzunehmen und dementsprechend zu nutzen und nicht nach dem Motto: Es ist genügend da und billig.

Wie hat Deine Familie und Deine Frau darauf reagiert, als du 2010 mit dem geldfreien Leben angefangen hast?

Anfangs waren die ein bisschen konstatiert und dachten, der ist jetzt gerade auf so einer Reise, der kommt dann schon wieder runter und es wird schon wieder alles. Weil sie ja auch gar nicht meinen Weg und dass, was mich da auf der Reise alles auch im Herzen berührt hat, eben diese schöne, wunderbare Erfahrung von Menschlichkeit, die uns da geschenkt wurde, dass sie dies gar nicht so miterlebt haben. Plus all die Informationen über das verschwenderische System, was mir vorher auch gar nicht so bewusst war. Es ist ja eine sehr radikale Entscheidung in einen Geldstreik zu treten. Aber als ich zurück war bzw. meine liebste Frau, die auf halben Weg der Reise dazu stoß, da hat sie selbst immer mehr begriffen, was mich dazu bewegt hat. Und mittlerweile hat meine Frau sowie aber auch meine Familie, Verwandten und auch Bekannte, die das teilweise auch ganz komisch fanden, verstanden was mich dazu bewegt hat und was ich auch schon bewegen konnte. Mich hat etwas bewegt und ich versuche andere Menschen damit zu bewegen. Eben nachzudenken. Ein bisschen über den Tellerrand hinaus zu schauen. Das das irgendwie Sinn macht für mich als Aufgabe Bewusstsein zu schaffen, dass das ein sehr praktikabler Weg ist ohne Geld, ohne ein Budget ganz viele Gedanken, aber auch Träume, Visionen usw. bei Menschen anzuregen, haben die meisten Mitmenschen um mich herum mittlerweile verstanden.

“Ich glaube ganz sicher daran, dass wir irgendwann kein Geld mehr brauchen werden auf der Erde.”

Du selbst siehst ja deine Art zu leben als extrem an. Du regst jetzt nicht an, dass jeder ohne Geld leben sollte? Eher sollte es ein schrittweiser Prozess für die Menschen sein oder?

Schrittweise sich frei zu machen vom Geld. Das ist ganz wichtig. Ich glaube ganz sicher daran, dass wir irgendwann kein Geld mehr brauchen werden auf der Erde. Da bin ich fest von überzeugt. Aber das ist genauso, wie ich das mit der veganen Ernährung sehe. Ich halte die vegane Ernährung für die aller ökologischste und die gesündeste, wenn man sie denn auch richtig betreibt und nicht nur noch Bananen aus Übersee und andere Früchte einfliegen lässt. Mit richtig meine ich, dass auf eine vielfältige regionale, bio und saisonale pflanzliche Kost gesetzt wird. Das möchte ich den Leuten jetzt aber auch nicht auftischen nach dem Motto: wir müssen das jetzt alle machen. Ich glaube an den Wandel in kleinen Schritten: du fängst mit einer Mahlzeit in der Woche an, dann wird es vielleicht ein Tag, dann zwei und irgendwann nur noch einmal in der Woche, wo du vielleicht noch Fleisch isst. Oder Milch trinkst. Oder so. Jeder Schritt egal wie klein er ist, Richtung mehr Bewusstsein und Leben ist positiv.

Für mich persönlich waren all die kleinen Schritte aber noch nicht genug und wollte ein großes Publikum erreichen und ein Umdenken auf breiter Basis anregen, deswegen habe ich mich entschieden einen Schritt weiter zu gehen und im Geldstreik zu leben. Denn die Medien berichten ja nicht über all die Millionen Menschen die schon ganz toll und ehrwürdig ihren ökologischen Fußabdruck reduziert haben indem sie sich bewusster ernähren, verreisen oder konsumieren. Und da heißt es dann eben ein bisschen auch zu spielen: was kann man denn den Medien anbieten, damit das Thema auf den Tisch kommt, wenn man es so verpackt, dass es halt auch für Menschen interessant ist, die sich eigentlich gar nicht so sehr für Nachhaltigkeitsthemen interessieren. Und für mich persönlich ist natürlich immer noch der Weg der beste – ganz abgesehen von den Medien – wo ich mich am Wohlsten fühle. Ich könnte gar nicht mehr in einen Laden reingehen und was kaufen. Weil ich mich mit den ganzen Themen so beschäftigt, dass ich irgendwie spüre, dass wäre irgendwie sehr scheinheilig und dann warte ich lieber darauf bis irgendwann die Kokosnuss oder eine Banane im Laden übrig bleibt, die ohne uns weggeschmissen würde. Anstatt mir jetzt eine zu kaufen. Und so ist es eben bei vielen Dingen, dass ich gespürt habe: so fühle ich mich wohler. Aber das ist meine persönliche Einstellung. Jeder hat da ein anderes Verständnis, Grenzen und Prioritäten , denn es gibt viele Wege die nach Rom führen.

Dein neustes Projekt heisst EOTOPIA. Was ist das genau und wie weit seit ihr damit?

Eotopia ist quasi ein Traum – ein weiterer (lacht). Und zwar haben wir bis jetzt ein bisschen gezeigt, was man in der Gesellschaft im urbanen Raum machen kann um seinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, um geldfreier und nachhaltiger zu leben in dem auf vorhanden Ressourcen zurückgegriffen wird. Wir wollen jetzt zusammen mit anderen Menschen in Gemeinschaft leben in der sich die Menschen bedingungslos helfen, unterstützen und sich alle entfalten können. Das Leben in dem Dorf wollen wir möglichst geldfrei gestalten, sprich alle 100 bis 150 Menschen bringen sich mit ihren Fähigkeiten, Begabungen und Talenten ein und zwar ohne irgend etwas dafür zu verlangen, also auch ohne Tauschgeschäfte. Im Gegensatz zu dem was viele Leute von einer geldfreien Welt oder Dorf so annehmen, aber eine Welt ohne Geld, bedeutet für uns bedingungsloses Geben und Nehmen. Und das wollen wir im kleinen Kreise anfangen mit einem Dorf. Das soll im Süden von Europa sein. Wir wollen uns da vegan ernähren und wir versuchen so gut es geht autark zu leben. Also sprich, unsere eigene Energieversorgung haben, unser eigenes Essen anbauen, möglichst viele Ressourcen aus der Region für den Bau für die Häuser verwenden, auch Teile wie beispielsweise Solarpanels werden wir haben, aber nicht neue, sondern alte, die wir vor dem Weg zur Verschrottung retten. Auch da noch mal das Bewusstsein darauf lenken: es gibt schon so viele Sachen, die noch benutzbar sind, die vielleicht nicht mehr so perfekt sind, nicht mehr so gut aussehen und nicht mehr so effizient sind, aber die kann man trotzdem noch nutzen. Das ist auf jeden Fall besser als sie zu verschrotten und zu recyclen.

“Wir wollen jetzt zusammen mit anderen Menschen in der Gemeinschaft möglichst geldfrei ein Dorf aufbauen, in dem 100 bis 150 Menschen leben, die sich alle mit ihren Fähigkeiten, Begabungen und Talenten einbringen und zwar ohne irgend etwas dafür zu verlangen, also auch keine Tauschgeschäfte.”

Für uns ist das Ganze ein bisschen ein Experiment: wie funktioniert das denn, wenn nicht nur ein paar Leute sich geldfrei verhalten, sondern wenn es ganz viele an einem Ort machen? Was entsteht da für eine Dynamik? Was passiert dann? Wir wollen ja offen sein. Festivals anbieten, Workshops und Seminare. Leute können da auch hinkommen und ihre Sachen anbieten. Wir wollen einen Ort sein ähnlich einer Universität, nur dass dort alle Meister und SchülerInnen gleichzeitig sind und so alle voneinander lernen. Nicht nur wir bringen den Kindern was bei, sondern die bringen uns was bei bzw. sich untereinander. Und wir wollen dort ein freieres Leben leben, wo sich jeder noch einmal freier entfalten kann und gucken kann was ist eigentlich das, was ich mitbekommen habe und was ich irgendwie einbringen kann. Wo die Kinder, wie aber auch die Erwachsenen, voneinander noch vielmehr lernen können. Unendlich lange. Nicht zu sagen: jetzt habe ich mein Studium beendet und jetzt fange ich irgendwo an zu arbeiten.

Es wird wohl mehrere Eotopia ähnliche Projekte geben, weil wir schon jetzt über 600 Leute sind, die sich interessieren und die auch gerne in so einem Dorfprojekt leben wollen würden. Das geht jetzt in diesem kleinen Rahmen nicht, aber später wird es viele andere geben – die müssen nicht Eotopia heissen. Wir wollen das Grundstück natürlich geschenkt bekommen, wir wollen da keine Einstiegsgebühr verlangen für die Leute, die mitmachen, sondern zeigen, dass es auch anders geht. Es gibt soviel ungenutzten Raum. Wir haben soviel tausende, ungenutzte Bauernhöfe in Europa, ganze Dörfer, die leer stehen. Die Frage ist, wie können wir die vorhandenen Ressourcen gemeinschaftlich intelligenter nutzen, um eben was Neues aufzubauen und für uns Nachhaltigkeit heute im Einklang mit der Natur nutzen – eben mit moderner Permakultur und modernen Dingen wie Solarpanels, aber auch ursprünglicheren alten Weisheiten wie die der alternativen Heilungen durch Kräuter. Es soll ein Projekt sein in dem wir mit der Natur im Einklang leben und wo alle miteinander harmonisieren und zwar nicht nur mit der Natur und den Menschen vor Ort, sondern wir wollen natürlich auch in Kontakt bleiben mit den Menschen in den Städten. Wir wollen in dem Dorf auch Internet haben und andere Projekte betreuen. Unser Ziel ist es, möglichst alle Netzwerke, Ideen und Projekte, die schon zu der Kultur des Teilens, des Schenkens, Leihens und so weiter vorhanden sind  zusammenbringen, um endlich das angestrebte Niveau zu erreichen, dass möglich ist, wenn wir uns gemeinschaftlich miteinander und füreinander engagieren. Wir wollen ein Ort des Zusammenkommens und des Weiterbringens auf verschiedenen Ebenen sein.

Du hast gesagt, dass ist ein weiterer Traum. Wie weit seit ihr da schon konkret?

Wir haben bis jetzt schon viele Grundstücke angeboten bekommen und haben uns im Sommer schon mit 20 Menschen, dem Kernteam von Eotopia, getroffen, das sind alles Menschen die sich da jetzt schon länger mit dem Thema beschäftigen und alle den gleichen Traum haben. Aber viel schwieriger als ein passendes Grundstück geschenkt zu bekommen, ist es die Verantwortlichen PolitikerInnen vor Ort für das Projekt zu gewinnen. Deswegen schreiben wir suchen wir gerade nach einer Ort, wo die Komunalregierung unser Vorhaben unterstützen möchte. Wir hoffen nächstes Jahr den passenden Grund und Boden für Eotopia zu finden um endlich loslegen zu können.

“Alle anderen [Spezies] leben ziemlich friedlich und machen hier kein Radau und wir schaffen es mit unserem intelligenten Wirtschaftssystem und unser Geldwesen eben nicht im Einklang mit der Natur und mit anderen Spezies zu leben.”

Auch selbst wenn man Land geschenkt bekommt kostet das Geld – Grundsteuer etc. pp. Wie geht ihr damit um?

Wir arbeiten gerade daran. Wenn wir das Grundstück haben, müssen wir mit der Kommunalregierung verhandeln, was kann man da für ein Experimentenstatus bekommen, damit wir auch Baugenehmigungen bekommen können, obwohl man da gar nicht bauen darf. Wie kann man einen Steuererlass bekommen usw. Da gibt es einige Punkte, die geklärt werden müssen. Wir wissen noch nicht genau, ob das da alles so möglich ist, wie wir uns das vorstellen. Deswegen habe ich ja auch gesagt: so geldfrei wie möglich – es soll aber nicht heißen, dass alle Menschen, die dort leben kein Geld mehr benutzen. Die meisten werden weiterhin Geld benutzen, aber dort vor Ort nicht. Ein paar Leute zu denen ich auch gehören werde, werden weiterhin geldfrei leben. Aber die meisten, die wollen das auch gar nicht. Darum geht es uns primär aber auch wieder nicht. Es geht darum,  den ersten Schritt zu gehen. Und es geht um den Gedanken: Guck mal, da leben Leute zusammen und die machen das ohne Geld – auch nicht mit einem Gemeinschaftskonto, was ja auch schon ein sehr viel größerer Schritt ist, als jeder hat sein eigenes Konto. Das wir uns auf jeden Fall gedanklich darauf einstellen können: wir Menschen sind eine von Millionen Spezies, die meint so zivilisiert und kultiviert zu sein und leider glaubt, dass wir nur mit Geld funktionieren können. Und dass das natürlich ein großer Irrglaube ist, weil wir sind die einzige Spezies, die eigentlich nicht klar kommt. Alle anderen leben ziemlich friedlich und machen hier kein Radau und wir schaffen es mit unserem intelligenten Wirtschaftssystem und unser Geldwesen eben nicht im Einklang mit der Natur und mit anderen Spezies zu leben und zu zeigen: da steckt noch viel mehr Potential in uns.

Das erinnert mich ein bisschen an die Hippiebewegung Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in den USA. Die wollten auch ähnlich autark im Einklang mit der Natur leben, eine Gemeinschaft bilden, an abgeschiedenen Orten leben. Die lebten auch geldfrei vor Ort. Die Hippies haben es meines Wissens nach nicht geschafft langfristig was zu verändern. Hinkt die Analogie?

Ich kann dazu nicht so viel sagen. Ich weiss auf jeden Fall, dass viele Menschen, die ich kennengelernt habe, die früher Hippies waren, wenn man das so sagen kann, und die sich damals als Hippies gesehen haben, dass die sich sehr stark verändert und oft viele Ideale, Vorstellungen und Träume über Bord geworfen haben und am Ende das kommode Leben mit Geld, mit seinem eigenen Auto, mit eigenem Haus, usw. und so fort dann doch irgendwie angenehmer war. Das hat sich so bei mir herauskristallisiert, was ich gesehen habe. Das kann natürlich auch da in unserem Ökodorf passieren, dass dort auch Leute sind, die sind ganz ambitioniert und träumen da schön und merken dann: das ist mir alles viel zu viel Gemeinschaft, ich will eigentlich zwar in der Natur leben, aber in einer großen Hütte mit zwei, drei Autos. Solche wird es vielleicht auch geben. Aber ich glaube, dass viele Ideale, die eben damals auch schon gelebt wurden von manchen Menschen, dass wir die irgendwo noch im Herzen haben, dass die sich heute nur irgendwo und irgendwie auf eine andere Ebene gehoben haben. Also wie z.B. noch einmal auf das Thema Ernährung zurückzukommen: Die meisten Hippies, die waren alle für Frieden, Liebe und für Einklang und alles schön, aber die haben meist Tiere gegessen.

Wam Kat, ein berühmter Koch in Deutschland, der seit Jahrzehnten auf Großveranstaltungen aus geretteten Lebensmitteln tolle Suppen und Speisen kocht, wurde vor 30 Jahren gefragt – damals hat er schon angefangen rein pflanzlich zu kochen –  wo das Fleisch in seinen Speisen ist und das auf alternativen, linken, Hippieveranstaltungen oder Demos. Und dann hat er gesagt: nein, es ist vegan, es gibt kein Fleisch in meine Speisen. Heute fragen ihn die Menschen, die vielleicht gar nicht mehr so Hippie sind bzw. sich nicht als solche bezeichnen würden: Ist die Suppe oder das Essen vegan? Da ist eben ein ganz großer Umschwung passiert ist. Es geht heute immer mehr Menschen nicht ums propagieren und labern, sondern wie die Überzeugungen zu leben. Also Vorstellungen und Herzensanliegen mit unseren Taten und Handlungen in Einklang zu bringen.

Vieles was wir heute von den Hippies im Gedächtnis haben ist doch: Ja, das war alles Friede, Freude, Eierkuchen, die waren auf Festivals, die lebten in irgendwelchen Kommunen, haben sich irgendwelche Drogen reingeschmissen, war alles schön, aber irgendwie hat das dann nicht so funktioniert. Wir versuchen heute gar nicht mehr so großartig davon zu reden, sondern wir versuchen Sachen zu machen und langfristige Lösungen für Probleme zu finden. So wie wir es mit dem Lebensmittelretten heute tausenden Menschen möglich gemacht haben sich von gegen die Verschwendung einzusetzen und zwar so, dass die Menschen dazu stehen und sich wohl dabei fühlen und nicht wie leider noch Millionen Menschen weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Immer mehr Menschen geht es nicht mehr um Gräben zwischen uns zu schaffen, sondern zusammen ganz egal, ob Manager oder Student sich für einen gemeinsamen Traum einzusetzen. Es ist wichtig nicht mehr Grenzen untereinander zu ziehen, sondern zu schauen, wie können wir alle gemeinsam was in diesen Pool „Menschheit“ beitragen, damit wir in Frieden auf unserem Planeten leben können. Und ich bin mir sicher, dass die Hippiebewegung da auch zu beigetragen hat, dass dieses Bewusstsein heute bei so vielen Menschen alle Couleur vorhanden ist.

Vom Prinzip sagst du also, es ist wichtiger die Idee in die Welt und ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, als einen Dogmatismus an den Tag zu legen?

Dogmatismus ist sowieso fehl am Platz, aber mir geht es neben dem Bewusstsein verbreiten besonders darum nicht nur zu reden, sondern auch wirklich zu handeln und somit das Bewusstsein so gut es geht in den Alltag zu integrieren. Zum Beispiel kann ich schwer darüber reden, dass wir alle Lebewesen mit Respekt behandeln sollten, wenn ich selber jemand anderen dazu verdonnere Tiere zu ermorden. Das geht nicht.

Um noch einmal auf die Hippiebewegung zu sprechen zu kommen. Also wirklich nicht nur etwas propagieren im Sinne von: Ja, so wäre es schön und guck mal wir machen das hier so, sondern einfach auch zu sehen: ich finde das genauso toll, wenn der Shellchef auf einmal sagt er ernährt sich vegan und kauft nur noch Bio. Und irgendwann merkt er dann vielleicht von ganz alleine, dass sein Unternehmen gerade nicht die Ressourcen, die uns die Erde schenkt am nachhaltigsten und ethischsten verwaltet. Und dass er trotzdem wertgeschätzt werden muss, für alles was er tut für die Erde. Und das ist eben auch jede Ernährung, jede Mahlzeit, die er zu sich nimmt. Und das wir da auch auf gar keinen Fall mehr irgendwelche Mauern zwischen uns aufziehen sollten, sondern mehr gucken, was wir alles für Gemeinsamkeiten haben, die uns verbinden. Und diese Verbundenheit von den über sieben Milliarden Menschen, die wir sind, zu spüren und zu sagen: wir sind alle hier auf der gleichen Erde und es spielt keine Rolle, ob ich hier CO2 ausstoße oder ob jemand das in China macht, sondern am Ende betrifft das uns alle und Menschen, die hungern, die leiden auch, weil ich hier was wegschmeisse einen entsprechende  Lebensstil habe. Also sprich, uns wirklich mehr als eine globale Familie wahrnehmen. Wahrzunehmen sagt ja auch schon, die ist schon da, wir müssen die Wahrheit bloß annehmen. Und: Ja, Hippies, die haben bestimmt auch viel bewirkt.

Wenn man ganz ohne Geld lebt und eine Familie hat, Kinder hat – gibt es nicht unglaublich viel Sachen, an denen man verzweifelt, weil unsere ganze Gesellschaft gerade was Kinder angeht auf Geld in irgendeiner Form, sei es Schulgeld, Kita, Versicherung, Krankenversicherung usw. ausgelegt ist. Verzweifelt man daran nicht?

Also erst einmal habe ich ja schon gesagt, dass wir als Familie mehr im Konsumstreik leben, als geldfrei. Ich lebe geldfrei, dass heisst nicht, dass ich mit Geld nichts zu tun habe: Also die Zugfahrten beispielsweise, zahlen mittlerweile auch die VeranstalterInnen. Das Wasser was aus dem Hahn kommt und was wir trinken, zahlt die Familie bei der wir wohnen, obwohl es nur 1,80 € sind für 1000 Liter, genauso wie Strom, Gas, Müllgebühren, GEZ etc. Von daher: Man sollte, wie schon gesagt, dass nicht zu wichtig nehmen, das Geld. Meine liebste Frau Nieves, die bezieht das Kindergeld, es geht auf ihr Ökokonto und davon wird z.B. die Krankenversicherung bezahlt, die sie auch in Anspruch nimmt. Wir gehen auch zum Kinderarzt/ärztin und natürlich hat sie auch schon mal ein homöopathische Mittel gekauft. Es geht komplett geldfrei zu leben, dass weiss ich, aber darum geht es mir nicht. Natürlich könnte ich die homöopathische Firma anschreiben und sagen, für das und das Projekt bräuchten wir Globuli. Ich habe ja auch schon mit Lebensmittelretten.de gezeigt, dass, wenn man wirklich was will, dann kann man das auch alles geldfrei machen, was ja auch schön ist. Aber man muss sich dann auch nicht verflusen in so Details und irgendwie sagen: ja, jetzt bekommt meine Tochter halt gerade mal keine Globuli, weil wir gerade keine auftreiben können. Wir haben Stoffwindeln, Kleider und wir haben alles irgendwie von Menschen organisiert bekommen und wenn es irgendwann etwas gibt, was sie wirklich braucht, dann fragen wir irgendwelche Freunde und Bekannte, schauen im Internet, wer hat das und dann organisieren wir uns das auch.  Und wenn es gerade zu kompliziert ist oder länger daurt, dann kauft Nieves auch Kleinigkeiten, wie gesagt sind wir da nicht dogmatisch. Sie hat mir dabei auch in den letzten Jahren geholfen auf dem “Teppich” zu bleiben und mir Kraft und Mut gegeben nicht immer so streng mit mir zu sein.

Eine Frage noch zu den Kindern: Es wäre ja vielleicht auch vorstellbar gewesen zu sagen: Du schreibst jetzt ein Buch und legst die Tantiemen für Deine Kinder an, weil vielleicht der Wandel weg von der Geldwirtschaft hin zu einer Schenkegesellschaft wird eventuell länger dauern als eine Generation? Und um Deinen Kindern eine gewisse Sicherheit zu geben. Was hat dich da bewogen zu sagen: das will ich so nicht?

Also erst einmal: ich wollte früher Millionär werden und ich glaube auch heute, dass es nicht schwierig ist Millionär zu werden. Wenn ich einen Lebenswandel machen wollen würde, dann kann ich mich auch anders orientieren und irgendwie Geld machen. Aber das ist im Moment nicht meine Aufgabe. Persönlich glaube ich, dass es wichtig ist, wenn man an etwas glaubt, dass man das eben nicht nur so halb macht. Ich könnte sagen: ja, genau ich habe mit dem Geld nichts zu tun, es kommt auf ein Ökokonto, dass ist nur für meine Tochter und wenn die 18 ist, dann bekommt die das. ´ Mark Boyle ein Seelenverwandter und bewusst lebender Mensch, der auch für eine zeitlang geldfrei gelebt hat und mit dem Geld vom Verkauf seines Buches nun eine geldfreie Öko Community aufbauen will, macht das auch anders als ich und ich denke jeder hat da andere Vorstellungen. Ich persönliche versuche möglichst ganzheitlich etwas zu machen und wenn ich spüre, dass das sich das für mich komisch anfühlt, dann mache ich das nicht. “Glücklich ohne Geld!”, das war nie mein Titel , ich wollte das Buch eigentlich “Bewusst Sein” nennen, weil ich bin glücklich ohne Geld, aber ich war auch schon davor glücklich. Viel mehr ging es mir aber immer um das bewusste Sein.

Aber besonders vor dem Hintergrund “Ich lebe geldfrei”, war es mir wichtig zu sagen: ja ihr könnt mein Buch auch kaufen, wenn ihr wollt, aber ich will dann mit dem Geld gar nichts zu tun habe. Auch als der Verlag gefragt hat, ob ich das Geld nicht irgendwie an irgendeinen Verein spenden will. Welchem Verein soll ich denn das Geld spenden? Ich kennen keinen einzigen Verein, wo ich 100% hinter deren Ausgaben stehe. Es gibt immer Punkte, wo ich mir denke: nein, guck mal da fliegen Leute hin, kaufen die Lebensmittel ein, da gibt es neue Büromaterialien oder Bürostühle, obwohl es da gebrauchte gibt usw. Es gibt immer Sachen, wo ich denke, dafür kann ich eigentlich nicht meine Unterschrift drunter setzen. Deswegen habe ich mich wohler gefühlt zu sagen: mit dem Geld habe ich so wenig wie möglich und lieber im Verlag bleiben. Und die sollen dann die ökologisch nachhaltigen Projekte selbst auswählen. Ich möchte auch, dass das in deren Hand liegt. Letztendlich habe ich denen ein bisschen Freiheit mitgeschenkt. Nicht zu sagen: ok, das Geld nehme ich jetzt nicht, aber ich sage euch genau, was ihr damit machen müsst. Sondern so wie mit den Lebensmitteln. Alle Menschen können Lebensmittel retten, sie aber nicht verkaufen oder veräußern, aber ansonsten selbst die Verantwortung übernehmen an wen sie sie verschenken. Und so den Menschen wieder mehr Mündigkeit zuzusprechen.

Lieber Raphael, ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute für die Zukunft, wünsche Euch viel Glück mit Eotopia und bedanke mich herzlich für das ausführliche Gespräch und Deine Zeit.

Alex Fuchs
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