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Einige Gedanken zur Nachhaltigkeit von Smartphones

Einige Gedanken zur Nachhaltigkeit von Smartphones
Wahrscheinlich ist so ziemlich jeder Leser hier in besitz eines der kleinen Wundergeräte – dem Smartphone.

Wahrscheinlich ist so ziemlich jeder Leser hier in besitz eines der kleinen Wundergeräte – dem Smartphone. Und die meisten werden der Meinung sein, ohne diesen Wunderartikel ihren privaten und beruflichen Alltag nicht sinnvoll bestreiten zu können. Und auch muss mich wohl oder übel zu dieser Fraktion bekennen, auch wenn ich jahrelang versucht habe, mich gegen diesen Trend zu stellen. Doch als Freiberuflicher muss man heutzutage schnell am Markt agieren können, die Kunden erwarten mitunter einen Rückruf innerhalb von wenigen Stunden, bevor der Auftrag an andere abgeben wird. Die Welt, die uns umgibt, beschleunigt sich zunehmens. Also spielt die allgegenwärtige Erreichbarkeit eine zentrale Rolle, wahrscheinlich nicht nur in meinem Leben.

Über den Sinn oder Unsinn von Smartphones kann man ja geteilter Meinung sein, allerdings sprechen die statistischen Erhebungen eine klare Sprache: Das Smartphone ist aus unserem sozialen Leben nicht mehr wegzudenken und prägt maßgeblich – und nicht nur an jeder Bushaltestelle – unser alltägliche Realität.  Zurzeit ist knapp jeder vierte Mensch auf unserem Planeten Besitzer eines Smartphone und die Rede ist hier nur von Smartphones und nicht von konventionellen, nicht “smarten” Mobiltelefonen. Für Deutschland sind die Zahlen noch eindeutiger: mindestens jeder zweite Bundesbürger – das heißt in Zahlen 45,6 Millionen – besitzt ein internetfähiges Mobiltelefon. Jedes Jahr werden 35 Millionen neue Smartphones in Deutschland verkauft, im Durchschnitt tauscht jeder Mobilfunkgerätebesitzer alle zwei Jahre sein meist noch voll funktionierndes Gerät gegen ein technisch neueres aus. Laut dem Branchenverband Bitkom “schlummern” bis zu 85 Millionen alte Mobilfunkgeräte in Deutschland darüber hinaus in der Schublade. So entstehen jährlich weltweit auch schätzungsweise über 40 Millionen Tonnen neuer Elektroschrott (nicht nur durch Mobilfunkgeräte), der zum großen Teil, Greepeace geht von zwei Drittel aus,  – meist auf nicht ganz legalen Wegen – auf Deponien in Drittwelt- oder Schwellenländern abgeladen und dort zu teils katastrophalen Bedingungen für Mensch und Umwelt gelagert und weiterverarbeitet wird, trotz internationaler Richtlinien, Verbote und Abkommen. Laut der UN-Initiative StEP (Solving the E-Waste Problem), wird der weltweite Elektroschrottanteil auf 65 Millionen Tonnen bis 2017 – also über ein gutes Drittel mehr als heute – anwachsen.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen erscheint es schon ziemlich zynisch von Nachhaltigkeit für dieses Luxuskonsumgut zu sprechen. Egal wie man das Blatt wendet, ein Produkt, was für alle Menschen auf unserem Planeten indivduell zur Verfügung stehen und im besten Fall industriegewollt spätestens alle zwei Jahre gegen eine neue Produktgeneration ausgetauscht werden soll, um den globalsierten, kapitalistischen Motor am Laufen zu halten, kann schon aufgrund des immensen Rohstoffverbrauchs und fehlenden echten Recylingkonzepten partout nicht nachhaltig sein. Alle gegenläufigen Meinungen erscheinen mir als abwegig und Schönmalerei. Achso, und nein, ich bin nicht Sozialist. Auch ich bin ein Kind des Kapitalismus und habe keine Antwort auf das Wie-man-es-stattdessen-machen-sollte. Wir müssen uns nun endlich einmal damit abfinden, dass unsere Spezies, die sich gerne als Krone der Schöpfung präsentiert, in jüngster Zeit einen unglaublichen Drang entwickelt hat, immer neue Dinge zu erfinden, die eigentlich niemand wirklich braucht, die zum größten Teil unser Leben verkomplizieren und am Ende unseren eigen Lebensraum kosten werden, die verflixter Weise aber jeder Mensch zu haben wollen scheint. Wenn wir diesen Widerspruch als Spezies am Ende nicht sinnvoll aufzulösen wissen, wird es irgendwann niemand mehr geben, den man anrufen kann. Da nützen einem dann auch keine Telefon-Joker mehr.

Aber die Zahlen sind nur die eine Seite der Medaille. Bis jetzt haben wir noch gar nicht von den Arbeitsbedingungen, die für die Gewinnung der verbauten Metalle in Mobilfunkgeräten nötig sind wie etwa Seltene Erden und Coltan, gesprochen. Redet man beispielsweise über Coltan, einem Erz aus dem Tantal gewonnen wird, aus dem in erster Linie kleinste Kondensatoren zur Verarbeitung in so ziemlich jedem elektronischen Gerät verbaut werden, redet man über ein sogenanntes Konfliktmineral. Fast die Hälfte des weltweiten Coltanbedarfs wird im Ostkongo abgebaut, einem Land, indem seit über 15 Jahren Bürgerkrieg herrscht und die Abbaubedingungen völlig unkontrolliert stattfinden. So wurde nicht nur der Lebensraum der Bergorrillas Opfer des Bergbaus und ganze Landstriche ökologisch vernichtet, sondern Kinderarbeit und sklavenähnliche Schürfarbeiten unter größtenteils inhumanen Bedingungen inklusive regelmäßiger Todesfälle sind an der Tagesordnung. Den Skeptikern sei an dieser Steller der Dokumentarfilm Blutige Handys: Die unmenschliche Coltan-Gewinnung  (2010) von Frank Piasecki Poulsen nahegelegt. Und wenn man über Arbeitsbedingungen redet, sollte man auch einen Moment an die Endfertigung des größten Teils der Geräte in China denken. Auch hier sind genügend unmenschliche Arbeitspraktiken dokumentiert – als Stichwort sei nur Foxconn erwähnt. Man sollte also nicht vergessen – und wir tuen dies als Menschlein nur zu gerne, da es all zu menschlich ist, den Zusammenhang zu verdrängen, wenn er für uns nicht offensichtlich tagtäglich sichtbar und persönlich erfahrbar ist – dass mit dem Erwerb eines Smartphones Blut an unseren Händen klebt. Das dies nur wenige beindruckt – inklusive mich als einen Smartphonebesitzer – zeigen die Zahlen weiter oben im Artikel. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Da das Kind sozusagen ja schon in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen bzw. uns durch seine Erfindung vor die Füße gefallen ist, sollte man dann vielleicht doch versuchen, sich konstruktiv der Ökobilanzdebatte hinzugeben, da das Smartphone wie bereits erwähnt, mittlerweile unseren Alltag nachdrücklich prägt und nicht mehr wegzdenken ist. Wie schaut es also aus mit der Ökobilanz für diesen technischen Wunderartikel aus, von dem die meisten Menschen auf der Welt denken, nicht mehr ohne leben zu können? Die Antwort ist gar nicht so einfach zu geben, wie sie auf den ersten Blick scheint. Sicherlich, besser und nachhaltiger wäre es, die Menschheit käme ohne die Smartphonetelefonie aus, aber der technische Fortschritt wird wie so vieles nicht mehr ungeschehen gemacht werden können. Das Ranking-Portal Rankabrand hat letztes Jahr eine Erhebung gemacht, die Aufschluß über die Ökobilanz bzw. den Nachhaltigkeitsgehalt von Smartphones geben soll. Insgesamt wurden wurden die 20 bekanntesten Mobilfunkgerätehersteller in den drei Kategorien Klimaverträglichkeit, Ökologie und Arbeitsbedingungen bewertet. Den kompletten Sustainable Electronics Report 2014 in englischer Sprache kann man bei bei Rankabrand als PDF herunterladen. Bemerkenswert ist, das alle Hersteller nur etwa 75% der Anforderungskritierien erfüllt haben und somit keiner die Bestnote A bekam. Neben dem bestbewertesten Hersteller, dem Fairphone, belegte Apple und Nokia Platz 2 mit der Bewertung C. Die restlichen 17 Hersteller erfüllten nur etwa 35% der Untersuchungskriterien und bekamen nur die Note D oder E. Die schlechtbewertesten Marken waren von HTC, ZTE, Huawei. Erschreckende Erkenntnis des Berichts: Gegen 15 der 20 Hersteller – also 75% – wurde von Rankabrand eine Warnung vor Greenwashing ausgesprochen. Somit kann man zu dem nicht überraschendem Schluß kommen, dass in dem hart umkämpften Haifischbecken der Smartphonehersteller in den nächsten Jahren  immenser Nachholfbedarf in punkto Nachhaltigkeit gefragt sein wird.

Eine interessante Entwicklung zum Thema Smartphone liefert ein von Google unterstütztes Open Source Projekt namens ARA. Die Idee ist ziemlich identisch mit der des Niederländers Dave Hakkens, der Ende 2013 mit einem Youtube-Video zu seiner Phonebloks-Idee, einem Smartphone auf modularer Basis mit frei untereinander austauschbaren Komponenten, für einen großen Social Media Rummel binnen weniger Stunden gesorgt hat. Laut Dave Hakkens wurde das Video seit Erscheinen über 380 Millionen mal angeschaut. Hakkens arbeitet mittlerweile eng mit den Entwicklern von Projekt ARA zusammen, die sich das zugegeben etwas fragwürdige Ziel gesetzt haben, am Ende ein modulares Smartphone für die verbleibenden 5 Milliarden Menschen anbieten zu können, die zurzeit noch nicht im Besitz eines der Wundergeräte sind. Sollte sich das modulare System eines Tages wirklich durchsetzen, wird sich zeigen, ob der hehre Gedanke weniger Elektroschrott zu produzieren wirklich aufgeht oder ob der Verbraucher wieder einmal einer geschickten Greenwashing-Kampagne aufgesessen ist. Die Zeit wird es zeigen, aber allein die Vorstellung, wieviel Rohstoffe man für 5 Millarden neue Smartphones benötigt, erscheint wenig nachhaltig.

Project Ara Spiral 2 Prototype

 Foto: Maurizio Pesce | Copyright unter CC BY 2.0: Project Ara Spiral 2 Prototype

Zu guter Letzt sei hier an das Ökobewußtsein jedes einzelnen Verbrauchers appeliert, der sich vor dem Kauf sowohl die Frage stellen sollte, ob er wirklich jedem Trend hinterherhecheln und immer die neuste Mobilfunkgeneration sein eigen nennen muss oder ob  vielleicht auch ein gebrauchtes Gerät den individuellen Ansprüchen genügt – in erster Linie wird das Mobilfunkgerät nunmal zum Telefonieren und SMS-Schreiben genutzt, dass kann man auch mit Gebrauchtgeräten ganz gut. Außerdem sollte man sich über die Produktionsbedinungungen der Hersteller informieren, was dank Internet heutzutage sehr einfach ist: Greenpeace bietet dazu seinen Ratgeber “Grüne Elektronik” an und  makeitfair.org und ethicalconsumer.org sind Plattformen, wo man sich auch informieren kann. Auf den Webseiten der Hersteller finden sich mittlerweile auch Informationen dazu, allerdings sollte man versuchen, diese Informationen durch unabhängigere Erkenntnisse zu verifizieren, da man hier schnell Gefahr von “Greenwashing”-Kamapgnen werden kann. Selbstverständlich sollte man seine Altgeräte ordnungsgemäß bei Recyclinghöfen etc. und nicht in der normalen Hausmülltonne entsorgen. Energiesparmodi und -apps sollten genutzt werden und das Ladegerät bei Nichtgebrauch oder voller Aufladung vom Netz genommen werden, da auch im Stand-By-Modus Strom verbraucht wird. Darüber hinaus sollte man beim Kauf von (Gebraucht-)Geräten auf einen leicht austauschbaren Akku achten, da man so die Laufzeit des Geräts bei Bedarf durch Ersetzen der Batterie verlängern kann.

Interessant wäre einmal eine Studie zu der Fragestellung, inwieweit durch den vollen Gebrauch der multimedialen Möglichkeiten – z.B. eBooks lesen, Fotos schießen, Videos erstellen, E-Mails und SMS schreiben, Rechnerfunktionen und Cloud-Dienste nutzen etc. pp. anderweitige Einzelprodukte nicht mehr oder weniger verkauft werden und dadurch am Ende vielleicht doch ein größerer und nachhaltigerer Nutzen von Smartphones als Effekt besteht. Aber eine solche Studie steht meines Wissens noch aus und ist wahrscheinlich schwer durchführbar, aber interessant wäre sie allemal.

Mein persönliches Fazit liegt in der Maximierung der Produktlaufzeit. Und ja, ich weiss, dass das nicht der Stein der Weisen ist, aber aus Ermangelung an derzeitigen Alternativen, ist das ein erster Kompromiss, der sinnvoll erscheint. Das traurige Ergebnis ist, dass ein Luxusartikel wie das Smartphone, das die Hersteller am liebsten an jeden der über 7 Milliarden Einwohner unseres Planeten verkaufen möchten, nicht nachhaltig sein kann, egal welche Kriterien man anlegt.  Die Menge macht bekanntlich das Gift. Ich hoffe mein Smartphone genauso lange nutzen zu können, wie mein Laptop von 2008 auf dem dieser Artikel geschrieben worden ist und für das ich in den letzten Jahren schon das ein oder andere Mal sonderbar angeschaut worden bin, da es nicht die neuste Produktgeneration des Herstellers ist. Ich hoffe nur, dass mir eventuell dabei nicht doch noch eine geplante Obsoleszens in die Quere kommt. Aber wenn ich ehrlich bin, dachte ich das bei meinem Laptop auch und es läuft und läuft und läuft. Und wenn das Gerät dann tatsächlich mal den Weg in die elektronischen ewigen Jagdgründe antreten muss, hoffe ich, dass große Teile davon recycled und nicht illegal nach Afrika ausgeschifft werden. Achso, und bei der Recycling-Variante gibt es mittlerweile zunehmend immer mehr gemeinnützige Organisationen und Vereine wie beispielsweise Labdoo.org, die aufgearbeitete elektronische Geräte, die man in unseren Breiten aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zu nutzen weiß, in den Länder unter die Menschen bringen, die sonst nicht in den Genuß dieser Luxusgüter kämen und denen egal ist, ob die Dinge schon in Gebrauch waren.  Also immer schön positiv denken. Alles wird gut.

Quellen und weiterführende  Artikel zum Thema:

http://www.kpg-responsebility.de/wie-nachhaltig-sind-smartphones/

http://blog.rankabrand.org/2014/05/fairphone-shakes-up-electronics-brands/

http://www.golem.de/news/nachhaltigkeits-ranking-fairphone-apple-und-nokia-produzieren-am-nachhaltigsten-1406-106995.html

http://www.areamobile.de/specials/23509-handy-und-umwelt-einfache-tipps-zur-nachhaltigeren-handy-nutzung

http://de.statista.com/themen/581/smartphones/

http://www.bitkom.org/de/presse/70864_69186.aspx

http://www.sueddeutsche.de/geld/elektroschrott-in-deutschland-jedes-jahr-ein-neues-smartphone-1.1969989

http://www.taz.de/!130000/

Alex Fuchs
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