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Es ist Zeit für eine neue Vision

Es ist Zeit für eine neue Vision
Gastbeitrag zur Degrowth Konferenz 2014 in Leipzig | Autorin: Christiane Kliemann

Die Vierte Internationale Degrowth-Konferenz für Ökologische Nachhaltigkeit und Soziale Gerechtigkeit kommenden September in Leipzig wird hier wichtige Impulse geben.

Visionen hat es die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch gegeben und Menschen, die von einer besseren Welt träumten, waren oft die treibende Kraft hinter zentralen historischen Errungenschaften. Dinge, die wir heute für selbstverständlich halten wie zum Beispiel die Abschaffung der Sklaverei, die allgemeine Akzeptanz grundlegender Menschenrechte und vieles mehr, wären nicht möglich gewesen ohne den stetigen Einsatz mutiger Visionäre.

Heute jedoch scheint der Politik jegliche Vision abhanden gekommen zu sein und unsere politischen Akteure wirken wie hilflos Getriebene, die nicht mehr gestalten, sondern nur noch auf akute Krisen in scheinbarer Alternativlosigkeit reagieren. Angesichts der gewaltigen globalen Metakrise bestehend aus der Finanz- und Eurokrise, dem Klimawandel, Hunger, Bevölkerungswachstum Artensterben, Übernutzung aller natürlichen Ressourcen und dem Auseinanderdriften der Gesellschaft, fällt ihnen nichts anderes ein, als gebetsmühlenartig nach mehr Wirtschaftswachstum zu rufen und so zu tun, als sei dies das magische Allheilmittel unserer Probleme.

“Hinsichtlich der verschärften Klima- und Ressourcenproblematik […] wird der Ruf nach einem sogenanntem „grünem Wachstum“, oder einem „Green New Deal“ immer lauter.”

Dabei sagen uns nicht nur Intuition und Verstand, sondern auch zahlreiche Publikationen namhafter Wissenschaftler, dass zunehmendes Wachstum erstens nicht mehr lange möglich sein wird, und zweitens nicht hält was es verspricht, selbst wenn man die gesamte Nachhaltigkeits– und Umweltproblematik einmal außen vor lässt. Autoren wie Tim Jackson, Niko Paech, Irmi Seidl und Angelika Zahrnt1 und viele andere zeigen, dass Wirtschaftswachstum ab einem bestimmten Sättigungsgrad weder die Arbeitslosenquote vermindern, noch das Wohlbefinden mehren oder der Vergrößerung der sozialen Unterschiede Einhalt gebieten kann. Abgesehen davon scheint es auch nicht dazu angetan, die Staatshaushalte zu konsolidieren, deren Verschuldung nämlich trotz langfristigen Wachstums ein historisches Hoch erreicht hat.

Hinsichtlich der verschärften Klima- und Ressourcenproblematik – in Anlehnung an den Begriff „Peak Oil“ ist inzwischen die Rede von „Peak Everything“ – wird der Ruf nach einem sogenanntem „grünem Wachstum“, oder einem „Green New Deal“ immer lauter. Hieran knüpft sich die Hoffnung, Wirtschaftleistung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, was, gelänge dies, zumindest ein Weg aus der Klima- und Ressourcenkrise sein könnte.

Es weist jedoch vieles darauf hin, dass eine absolute Entkopplung – also nicht nur eine Ressourcenreduktion pro Euro Wirtschaftsleistung, sondern ein Rückgang des Ressourcenverbrauchs insgesamt – sehr unwahrscheinlich zu erreichen ist. Denn trotz der intensiven internationalen Bemühungen über die letzten 20 Jahre, CO2-Emissionen, Artensterben und Ressourcenverbrauch zu begrenzen, sind diese weltweit noch signifikant gestiegen, während die einzigen Verbrauchsrückgänge zur Zeit der kürzlich überwundenen Rezession zu verzeichnen waren. Diese Korrelation zwischen Wachstum und Ressourcenverbrauch geht zu einem großen Teil auf den „Rebound-Effekt“ zurück, also den durch Produktivitäts– und Effizienzsteigerungen verursachten gesteigerten Konsum von Ressourcen, den unter anderem das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie untersucht hat2.

“Anstatt also weiterhin blind auf das Prinzip Wachstum zu setzten, ist es nun an der Zeit uns in Erinnerung zu rufen, dass es immer unzählige alternative Möglichkeiten gibt, Wirtschaft und Gesellschaft zu gestalten, und dass wir ein System nur so lange aufrechterhalten müssen, wie es unseren Zwecken dient.”

Anstatt also weiterhin blind auf das Prinzip Wachstum zu setzten, ist es nun an der Zeit uns in Erinnerung zu rufen, dass es immer unzählige alternative Möglichkeiten gibt, Wirtschaft und Gesellschaft zu gestalten, und dass wir ein System nur so lange aufrechterhalten müssen, wie es unseren Zwecken dient. Ist es dazu nicht mehr in der Lage, haben wir die Freiheit, in demokratischem Diskurs neue Zwecke zu definieren, an denen wir dann unser wirtschaftliches und politisches Handeln ausrichten können und Lenkungsmechanismen für die dazu nötige Transformation zu finden.

Es ist also höchste Zeit, grundlegende Begriffe, auf denen unser Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft beruht, einer radikalen Kritik zu unterziehen. Bereits Einstein hat erkannt, dass „ein Problem nicht auf derselben Bewusstseinsebene gelöst werden kann, auf der es entstanden ist“.

Wie können wir Begriffe wie „Wohlstand“ und „Lebensqualität“ unabhängig von Konsumzwang und Steigerung des BIP, angelehnt an die grundlegenden Bedürfnisse von Menschen neu definieren? Was sind überhaupt die menschlichen Grundbedürfnisse, abgesehen von Nahrung und Wohnung? Muss eine Reduktion von Konsum zwangsläufig Verzicht bedeuten, oder kann es nicht auch eine Zunahme an Lebensqualität sein?3 Macht Zeitwohlstand glücklicher als Geldwohlstand? Wie können wir unser Leben entschleunigen und den Arbeitsmarkt so strukturieren, dass es genügend Arbeit für Alle gibt? Welche Rolle spielt Bildung bei der gesellschaftlichen Transformation? Wie können wir die Lebensgrundlage der Menschen in einer schrumpfenden Wirtschaft sichern? Wie können wir die globalen Ressourcen nachhaltig und demokratisch verwalten und miteinander kooperieren anstatt zu konkurrieren? Welche Maßnahmen müssen wir politisch ergreifen, um den Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft sozialverträglich zu gestalten? Ist es nicht moralisch geboten, dass wir Europäer hier mit gutem Beispiel vorangehen?

“Es ist also höchste Zeit, grundlegende Begriffe, auf denen unser Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft beruht, einer radikalen Kritik zu unterziehen.”

Viele Fragen, zu denen es, leider unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, bereits interessante Erkenntnisse und Lösungsansätze gibt. Und es gibt, ebenfalls unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, schon einen vielversprechenden „Wandel von unten“, z. B. in Form von Initiativen zu Regionalwährungen, Ökodörfern, Gemeinschaftsgärten und Tausch- und Schenkbörsen.

Auf der Degrowth-Konferenz in Lepzig wird es darum gehen, all diese Akteure des Wandels zusammenzubringen und Brücken zu bauen zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, praktischen Projekten und auch benachbarten Diskursen.

Bekannte Redner_innen wie Naomi Klein, Niko Paech, Sunita Narain, Harald Welzer, Angelika Zahrnt und Uwe Schneidewind werden dazu beitragen, die Abkehr vom Wachstumsparadigma salonfähig zu machen, und auch nach der Konferenz eine breite gesellschaftliche Debatte darüber zu entfachen, wie wir in Zukunft leben wollen.

Das Degrowth-Team versucht schon bei der Gestaltung der Konferenz neue Wege einzuschlagen: So können die Teilnehmenden ihren Teilnahmebeitrag selbst wählen und das Essen auf der Konferenz wird vegan, biologisch sowie aus der Region sein. Um auch Menschen mit geringem Einkommen die Teilnahme zu ermöglichen, stellen Leipzigerinnen und Leipziger den Teilnehmenden kostenlose private Schlafplätze zur Verfügung.

Mehr unter www.degrowth.de

Fussnoten:

1 Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Irmi Seidl, Angelika Zahrnt: Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft, Nico Paech: Befreiung vom Überfluß. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie

2 Dies ist ausführlich dargelegt in einer Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie: Tillman Santarius: Der Reboundeffekt. Über die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz, 2012

3 Wie z.B. dargelegt bei Robert und Eward Skidelski in: Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens.

 

Über die Autorin:

Christiane Kliemann arbeitet als freie Autorin und ist Mitglied im Team Öffentlichkeitsarbeit der Degrowth-Konferenz 2014.

Vielen Dank, liebe Christiane, für diesen Gastbeitrag.

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